Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 
 

Von einem, der auszog das Fürchten zu verlernen

Liebe Studentinnen und Studenten!

Zehn Jahre nach dem zweiten Weltkrieg kam ich zum ersten Mal nach Norwegen. Ich reiste mit einer Studententheatergruppe aus Kiel. Soviel ich weiss, waren wir die erste deutsche Theatertruppe in Norwegen nach dem Kriege. Das Wort "Truppe" hätten wir damals nicht in den Mund genommen; man hatte uns vor der Reise eingetrichtert, in Verhalten und Wortwahl nicht die geringsten Assoziationen an deutschen Militarismus aufkommen zu lassen. Wir spielten Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrerstück "Draußen vor der Tür", die Wahl dieses Schauspiels war auf diese Reise abgestimmt; denn gerade darum ging es: für ein anderes, ein friedfertiges Deutschland einzustehen. Bei einigen von uns schwang sicher auch eine Art jugendlichen Sendungsbewusstseins mit. Dennoch hatten wir Bauchgrimmen: wie würde man uns aufnehmen? "Die mögen uns dort oben doch nicht!" war eine Floskel, die ich damals - und auch später noch - oft zu hören bekam, eine unausstehliche Redeweise, weil darin die Blockade jeder Einsicht in das nationale Trauma unüberhörbar war, das der deutsche Überfall auf Norwegen hinterlassen hatte. Aber es kam ganz anders. Wir spielten in den Häusern des Studentenwerks in Trondheim und Oslo, auf richtigen Bühnen, - was es in unseren provisorischen Baracken gar nicht gab! -, vor vollen Sälen und einem sehr aufmerksamen, am Ende einfühlsamen Publikum. Wir wurden offenen Sinnes, freundlich empfangen und herzlich verabschiedet; so jedenfalls schien es uns. Für so manche wunde Seele un-ter uns war das Balsam; für mich war es eine Schlüsselerfahrung. Danach war das Norwegen der fünfziger Jahre für mich wie eine heile und heilende Welt. Da stand ich mit meinem Koffer auf dem Bahnsteig und wusste nicht wohin damit. "Lass ihn hier stehn bis heute abend, wenn Du weiter fährst!" Da waren die unverschlossenen Türen meiner Freunde: "Geh einfach rein, wenn niemand da ist!" Da waren der Umgang auf gleichem Fuss mit jedermann, das entspannte Verhalten der Obrigkeit und Uniformen gegenüber. Und am norwegischen egalitären Denken gefiel mir besonders, wie es gleichsam naturwüchsigen Individualismus mit Gemeinschaftssinn zu balancieren schien. Da fiel es leicht zu bleiben.

"Wir sind ein armes Land, aber wir leben gut!", sagte ein Freund. So kann das heute keiner mehr sagen. Norwegen ist ein reiches Land und wir leben nicht schlecht. Aber Lebensstandard und Lebensqualität sind bekanntlich nicht dasselbe. Neuer Reichtum und Globalisierung haben das Land verändert, im Guten wie im Schlechten. Wer heute nach Oslo kommt, trifft auf eine ganz andere Stadt als vor 40 Jahren. Statt der ein wenig verschlafenen, unaufgeregten, eher einförmigen eine quirlige, multiethnische, bunte Stadt, deren Gentrifizierung sich nicht nur an den schicken Geschäften und Restaurants, sondern auch an den schier unerschwinglichen Wohnungspreisen ablesen lässt. Die Schere zwischen Arm und Reich scheint sich zu weiten; Narkotikahandel, jugendliches Bandentum und internationales Verbrechen haben sich seit langem schon in der einst "ruhigen Ecke Europas" eingenistet.

Gewiss - auch ohne die faktischen Veränderungen -, das schattenarme Bild der frühen Jahre lässt sich nach vier Jahrzehnten Lebenszeit in diesem Land so nicht aufrecht erhalten, andere Erfahrungsspuren müssen sich einprägen. Dennoch will mir scheinen, als seien wir auf dem Wege in den neuen Reichtum dabei Qualitäten zu verlieren, um die zu kämpfen es sich lohnt. Die Stimme des Märchens warnt den Schatzsucher: "Vergiss das Beste nicht!" Der Kulturwissenschaftler hält sich den Wunsch frei: man möge in die Kultur im emphatischen Sinne investieren, in ihren Kernbereich von Kunst und Wissenschaft, um der Zukunft willen. In diesen Tagen, da viel vom Kampf um die Kultur die Rede ist, sollten wir uns daran erinnern, dass es nicht nur darum geht sie zu verteidigen, sondern sie zu leben; in beiden unseren Ländern.

Eingangs schrieb ich vom "zweiten Weltkrieg", viel lieber hätte ich vom letzten geschrieben. Die fünfziger Jahre waren Nachkriegszeit; doch obwohl der Begriff "German Angst" noch nicht geprägt war, hatten einige von uns jungen Leuten das Lebensgefühl, in einer Zwischenkriegszeit zu leben. Dieser katastrophische Erwartungshorizont verflüchtigte sich langsam, er darf nicht fünfzig Jahre später junge Menschen wieder einholen. Das vor allem anderen wünsche ich Euch und mir.

 

 

Jan Brockmann
Berlin, im Januar 2002

 

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