Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 
 

Liebe Studierende!

In einem der großartigen Filme des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki zitiert ein Pariser Bohemien einmal - recht erschüttert - einen der ältesten Sinnsprüche Suomis: "Die Zeit rennt wie ein Elch!" Fürwahr, wem ist dieses Phänomen nicht bekannt: Vor zeitnahen Referaten, vor zu baldigen Abgabefristen - sei es nun für Seminar- und Abschlussarbeiten (für den nächsten Aufsatz, das nächste Buch - bei den Dozierenden das gleiche Bild) -, vor drohenden Prüfungsterminen und nicht zuletzt auch vor nahenden Festterminen (diese Zeilen entstehen kurz vor Weihnachten 2002). Aber vergeht Zeit wirklich immer zu schnell?

Der Festvortrag auf der Absolventenfeier für die Philosophische Fakultät II im letzten Sommer hat diese Frage auf sehr humorvolle Weise behandelt und auf ein Phänomen hingewiesen, das einen das ganze Studium hindurch (und auch danach) begleitet - die Gegenläufigkeit höchst unterschiedlicher Zeiterfahrungen im Studierendenleben nämlich: Wie einem manche Seminarsitzung wie eine Ewigkeit vorkommen kann, wie kurz aber gerade die guten Momente dauern. Wie man sich wochenlang auf Prüfungsthemen vorbereitet, die man dann zur Zufriedenheit des Professors in 20 Minuten herunterschnurren soll. Wie man sich über Monate an den tief schürfenden Gedankengängen einer Magisterarbeit abarbeitet, um sich dann in den letzten fünf Minuten der Öffnungszeit zum Prüfungsbüro zu hetzen, damit die Arbeit fristgerecht vorliegt. Nur, um in den ersten fünf Minuten nach der Abgabe im eigenen Exemplar mindestens zehn Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler zu entdecken…

Oft genug quält einen schließlich auch das Problem, ob man nicht schon elendig lang studiert und warum man nicht schneller zu Potte kommt. Die Eltern, das BaföG-Amt, der Freund/die Freundin - die Fragen kommen aus allen Richtungen. Warum dauert das denn so lange, was treibst du da so, und die schlimmste aller Fragen: Was machst du eigentlich damit nach dem Studium? Eine Frage, die uns Unterschreibende in unterschiedlicher Form beschäftigt (hat): Woher bekomme ich mein Stipendium, wie, wo und wann soll ich mich bewerben, was macht mich für den Arbeitgeber attraktiv? Soll ich an der Uni bleiben, wo kann ich sonst unterkommen, was zum Teufel halten die Firmen von "Skandinavistik" - man hört ja schon das "smørebrød, smørebrød" im Bewerbungsgespräch!?

Hierauf kann man nur binsenweise antworten: Ein Patentrezept gibt es nicht.

Aber eines ist uns allen schon klar geworden: Wenn man neben dem Studium die vielfach gefragten Praxis- (und Lebens-)Erfahrungen - ob nun beim Jobben oder in Praktika - sammelt, fährt man in jedem Fall besser. Selbst wenn man im universitären Bereich bleibt, ist es "nur" mit Fachwissen kaum getan. Nun ist ein Studium (in den meisten Fällen) keine Berufsausbildung, sondern eben eine wissenschaftliche; das wird sich wohl auch nicht gravierend ändern. Wer jedoch fehlenden Praxisbezug bemängelt, übersieht, was für Chancen sich an der Universität bieten. Und es ist keine Lobhudelei, wenn wir unser Institut da besonders hervorheben - es geschieht schlicht aufgrund eigener Erfahrung. Wahrscheinlich muss man schon länger suchen, bis man eine entsprechende Einrichtung findet, die in dem Maße wie das Nordeuropa-Institut seinen Studierenden Möglichkeiten zum Mitwirken und Einwirken gibt.

Als Studierende/r (wohlgemerkt: nicht nur als Hilfskraft!) kann man nicht nur in den Gremien mitarbeiten, sondern auch Zeitschriften in eigener Regie herausgeben, durch Mitarbeit Einblick in Forschungsprojekte und -netzwerke erhalten, studentische Seminare und Tutorien veranstalten, Lesungen arrangieren, an wissenschaftlichen Publikationen mitarbeiten, Symposien ausrichten, Anteil an innovativen Projekten in der Lehre haben, Kongresse mitorganisieren, die internationalen Beziehungen mitbetreuen, Internetseiten gestalten, ganze Bücher herausgeben… Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Sprich: Wer sich engagiert und mit eigenen guten Ideen kommt, findet immer offene Ohren und viel praktische Unterstützung.

Zu solchem Engagement wollen wir euch Studierende - egal welchen Semesters - ausdrücklich ermuntern. Die universitas von Lehrenden und Studierenden beinhaltet mehr als die Frontalbeschallung in der Vorlesung: Es liegt an euch, mit euren Ideen und eurer Tatkraft das Institut mit zu gestalten - ob das nun in einer gelungenen Midsommar-Feier oder einem inhaltlichen Input besteht. Fordert ein, was euch interessiert, und drückt dem wissenschaftlichen Betrieb euren Stempel auf.

Klar: Zusätzlicher Einsatz erfordert auch mehr Zeit - ein Heft, ein Buch, eine Konferenz entstehen nicht in fünf Minuten. Aber selbst wenn das Studium einen Elchschritt länger dauert - der Gewinn daraus ist euch sicher.

Viel Erfolg im Sommersemester 2003, sei es bei Aufnahme, Fortsetzung oder Abschluss eures Studiums wünschen euch drei ehemalige Hilfskräfte und AbsolventInnen des Jahres 2002.

 

Katrin Hecker - Annika Schechinger - Jan Stampehl
Berlin, im Januar 2003

 

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