Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 
 

Liebe Studierende,

etwas Besonderes im Studium Nordeuropas ist das Janteloven. Das Gesetz von Jante gehört, wie Bernd Henningsen einmal geschrieben hat, „zum skandinavischen Alltag wie Mittsommer, Knäckebrot und Wohlfahrtsstaat“. Und seine Quintessenz lässt sich in einem einfachen Gebot zusammenfassen: „Glaub ja nicht, dass Du etwas Besonderes bist!“

Das Jante-Gesetz erklärt das Mittelmaß zur sozialen Norm. Womit es natürlich nicht mehr in ein Zeitalter passt, wo Universitäten um Exzellenz wetteifern, Fakultäten und Institute um Drittmittel werben, und wo Studierende immer öfter als zahlende Kunden betrachtet werden. Nicht mittelmäßige Bescheidenheit ist heutzutage Trumpf, sondern unverblümte Unbescheidenheit.

Zeitgemäßer als die Referenz an Jante wäre daher vielleicht die folgende Einleitung: Willkommen am Nordeuropa-Institut im Herzen Europas. Gratulation! Sie haben sich für die führende Lehr- und Forschungsinstitution im deutschsprachigen Raum und außerhalb des Nordens entschieden. Mit über 600 Studierenden und rund 40 Beschäftigten finden Sie hier nicht nur das vielfältigste Angebot nordeuropäischer Sprachen und Literatur, sondern auch das einzige Institut mit einem kulturwissenschaftlichen Fachteil, wo Nordeuropa hinsichtlich seiner historischen und politischen Dimensionen vermittelt wird.

Fast jede wissenschaftliche Einrichtung ist heutzutage wie das Nordeuropa- Institut gefordert, sich zu Markte zu tragen und folglich die Attitüde des Unbescheidenen einzunehmen. Nach außen dürfen wir nicht Mittelmaß sein, selbst wenn die Wirklichkeit im Innern eine andere Sprache sprechen sollte. Jante ist out. Übersetzt in die Gegenwart müsste das Gebot eher lauten: „Glaub was Du willst, aber lass es als etwas Besonderes erscheinen!“

nicht zuletzt unsere Universität erfahren bei dem Versuch, „Humboldt ins 21. Jahrhundert zu übersetzen“ und damit etwas Besonderes – sprich: exzellent – zu werden. Der Exzellenz-Titel wurde indes von anderen Hochschulen gewonnen. Mit anderen Worten: Humboldt wurde bescheinigt, nichts Besonderes zu sein. Wir bleiben offiziell Mittelmaß.

Womit wir dann doch wieder beim Gesetz von Jante wären, das im Blick nach vorn Trost und neue Kraft zu spenden vermag. Denn es enthält mehr als die Maxime der Mittelmäßigkeit. Es impliziert auch die Fähigkeit zu nüchterner Selbsteinschätzung, zu Selbstkritik und mithin zu Selbstironie.

Und als Kenner Nordeuropas wissen wir schließlich, dass man durchaus etwas Besonderes aus sich machen kann, indem man nur fest daran glaubt, nichts Besonderes zu sein. In diesem Sinne wünsche ich allen ein gutes und produktives Sommersemester.

Carsten Schymik

Berlin, im Januar 2008

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