Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 
 

Liebe Studierende des Nordeuropa-Instituts!

Ob dies wohl nur Wunschdenken ist? In der deutschen Wissenschaft und Politik tut sich was in Sachen Nordeuropa: Nachdem am Ende der achtziger Jahre die Schleswig-Holsteinische Landesregierung unter Björn Engholm die Ostseeregion als politische und ökonomische Ressource entdeckt und unter dem etwas unglücklichen Label "Neue Hanse" eine Kooperationsstrategie mit den nördlichen Nachbarn entwickelt hatte, boten sich mit dem Ende des Systemgegensatzes und dem Fall der Berliner Mauer nach 1989 neue Zusammenarbeitsformen an, neue Diskurse entstanden, neue Akteure tauchten auf. Vor allem war zu beobachten, dass eine Reihe von Ostsee-Anrainerstaaten frühzeitig die Potenziale der Region erkannten und ein großes Augenmerk auf deren Entwicklung warfen und diese auch tatkräftig förderten. Schweden ist hier an erster Stelle zu nennen.

Doch auch in Ländern, die im übertragenen Sinne traditionell mit dem Rücken zur Ostsee stehen wie Deutschland und Polen, sind seit einiger Zeit verstärkt Bemühungen wahrnehmbar, die ein geschärftes Bewusstsein für die politischen, ökonomischen und wissenschaftlichen Kompetenzen und Potenzen einer zusammenwachsenden Region erkennen lassen. In Danzig sammeln sich Politiker und Wissenschaftler, die sich nordeuropäischer Themen im Allgemeinen und solchen der Ostseeregion im Besonderen öffnen. Die Universität der alten Hansestadt gründet regionenspezifische Kompetenzzentren, die Regierung der neuen Region Pomerania hat sich der strategischen Entwicklung regionaler Politiken - Verkehr, Arbeitsmarkt, Soziales - verschrieben. Konnte man Schleswig-Holstein bis zur Wende als deutschen politischen Einzelkämpfer auf dem Feld ostseespezifischer Aktivitäten bezeichnen, so versucht sich Hamburg ebenfalls zu positionieren, jetzt kommt mit Mecklenburg-Vorpommern ein weiterer Akteur hinzu: Wesentliche Fährverbindungen verlaufen heute nicht mehr über Lübeck/Travemünde, sondern über Rostock/Warnemünde und Mukran auf Rügen.

In das politische "Umdenken" konnten unsere Bemühungen Anfang der neunziger Jahre gut eingefügt werden - beim Umstrukturierungsprozess der Humboldt-Universität ein Nordeuropa-Institut zu gründen mit einem neuen Regionenbegriff und mit einem von der klassischen Skandinavistik abweichenden Profil. Wir wollten - und konnten das gemeinsam in den kommenden Jahren erfolgreich umsetzen - Forschung und Lehre nicht nur zu Literaturen und Sprachen der nordeuropäischen Länder anbieten und betreiben, sondern wir wollten der Kultur, Politik und Geschichte, ja auch der Ökonomie der Region ein größeres Gewicht geben. Dass dieses eine alte Forderung innerhalb der bundesdeutschen Skandinavistik war, erleichterte die Umsetzung. Aber es war vor allem der Bezug auf einen weiter gefassten Regionenbegriff, der leitend wurde: Nordeuropa ist heute nicht mehr zu denken ohne ostseeregionale Bezüge! Und nicht zuletzt waren es die politischen Entwicklungen um uns herum, die befördernd wirkten: der Regierungs- und Parlamentsumzug von Bonn nach Berlin einschließlich des Umzugs der nordischen Botschaften, das neu erweckte Interesse an den nordeuropäischen Ländern, die Ausweitung der Europäischen Union nach Norden und Osten.

Dass in Greifswald das Nordeuropa-Institut der DDR-Zeit fast vollständig abgewickelt und zu einem Nordischen Institut im klassischen Sinne umgestaltet wurde, und gleichzeitig in Berlin ein neues Nordeuropa-Institut aufgebaut werden konnte, hat Diskussionen provoziert, die aber eher mit dem Unverständnis der föderalen Struktur von Wissenschaft und Forschung in dieser Republik zu tun haben als mit wissenschaftspolitischen Strategien. Das Berliner Nordeuropa-Institut war eine Chance in einer konkreten Situation am Ort. Wir haben sie gemeinsam genutzt.

Im Hinblick auf Wissenschaft und Forschung und vor dem Hintergrund der skizzierten Veränderungen ist dieses Jahr eine Wissenschaftsinstitution mit ostseeregionalem Bezug hinzugekommen - das Alfried-Krupp-Wissenschaftskolleg Greifswald. Der Autor dieser Zeilen ist zum 1. Mai als erster wissenschaftlicher Direktor bestellt worden und hat damit - mit großer Wehmut - das Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin verlassen und diese neue Herausforderung angenommen. Die Alfried-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung baut im Herzen der alten Hanse- und Universitätsstadt Greifswald ein Haus für die Wissenschaft, das sich insbesondere der Forschung und der Nachwuchsförderung mit dem regionalen Schwerpunkt Ostsee widmen soll. Es werden junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach Greifswald eingeladen, und ihnen wird für eine gewisse Zeit die weitere wissenschaftliche Qualifikation ermöglicht; bevorzugt in Forschungsgruppen. Das können Graduiertenschulen, Winter-/Sommer-Schulen oder andere projektbezogene Arbeiten sein. Für diesen Zweck stehen Räumlichkeiten zur Verfügung - vom Hörsaal mit 200 Plätzen, über Seminarräume, eine Bibliothek und Büros für ca. 25 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bis hin zu Appartements für die Forscherinnen und Forscher.

Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Universitäten stiftet ein privater Spender eine Summe diesen Ausmaßes, wird einer deutscher Hochschule ein eigenes Haus mit allen modernen Faszilitäten zur Verfügung gestellt - um eine einzelne Universität weiter zu profilieren, zu internationalisieren, sie attraktiv(er) zu machen. Schon diese äußeren Umstände sollten aufhorchen und dem Projekt mit Sympathie begegnen lassen. Wenn jetzt noch die richtigen Inhalte und - vor allem - die qualitativ geforderten Ergebnisse erbracht werden können, wird sich das Engagement gelohnt haben, für den Stifter und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, nicht zuletzt für die Universität als Ganze. Viele werden von der Einrich-tung profitieren können; "unser" Fach profitiert nicht zuletzt durch die inhaltliche Ausrichtung auf die Ostseeregion, auf Nordeuropa.

Das heißt, dass mit dieser neuen Einrichtung die Perspektiven für die Nordeuropa-Forschung und für die Ausbildung regional kompetenten Nachwuchses gestiegen sind. Es versteht sich heute von selbst, dass in Zeiten knappen Geldes nicht jeder alles selber machen kann, sondern dass auch die Forschung und Ausbildung im Verbund (Netzwerk nennt man das heute) gestaltet werden müssen. Gerade das Kompetenzzentrum Nordeuropa-Institut hat mit den sich ausweitenden Möglichkeiten weitere Profilierungschancen, mit gemeinsamen Projekten, Ausbildungssträngen und vielen neuen Ideen auch ein sich noch ausweitendes Feld für Forschung und Lehre vor sich.

In der Hoffnung, dass dieses kein Wunschdenken ist oder gar bleibt, wünsche ich Ihnen einen erfolgreichen Studienbeginn und ein erfolgreiches Wintersemester 2002/03! (Und es sei versichert, dass ich weiterhin für Projekte, Beratungen und Prüfungen zur Verfügung stehe!)

Ihr

Bernd Henningsen
Direktor des Nordeuropa-Institutes von 1992-2002

Berlin, im Juni 2002

 

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