Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 
 

Liebe Studierende,

nach 14½ Jahren die Berliner Skandinavistik zu verlassen ist eine Entscheidung, die mir nicht leicht gefallen ist. Im Sommersemester 1991 kam ich nach Berlin, um als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Literaturwissenschaft an der Freien Universität zu unterrichten. Nach der Promotion im Mai 1993 wechselte ich dann zum Wintersemester 1993/94 als Hochschul-assistent für Kulturwissenschaft an die Humboldt-Universität ans Nordeuropa-Institut. Hier habe ich seitdem in wechselnden Positionen, unterbrochen von einem zweieinhalbjährigen Forschungsstipendium in Kopenhagen 1997-1999, hoffentlich dazu beigetragen, die Kulturwissenschaft als Fachteil in der Skandinavistik zu begründen.

Ich wäre gern geblieben - aber auf einer befristeten Stelle ohne Verlängerungsmöglichkeiten auszuharren, wenn einen der Ruf auf eine Professur erreicht, kann sich in diesen Zeiten niemand leisten. Zum Wintersemester 2005/06 werde ich also nach Köln an die Albertus-Magnus-Universität gehen, um dort die Professur für Nordische Philologie/Skandinavistik zu übernehmen - eine spannende Herausforderung mit vielen Möglichkeiten.

Die Zeit des Abschiednehmens ist traditionell eine Zeit des Rückblicks. In diesem Fall eines wehmütigen Rückblicks - auf ein Arbeitsklima am Nordeuropa-Institut, das seinesgleichen sucht, auf Solidarität und Unterstützung sowohl in der Kolleg/inn/enschaft als auch in der Fakultätsverwaltung über viele Jahre hinweg, auf engagierte Studierende, an die man sich gern erinnert - und, na ja, auch auf ein paar, an die man sich weniger gern erinnert.

Keine Frage: Das Nordeuropa-Institut und all jene, die es ausmachen, werden mir fehlen!

Was die letzten Jahre betrifft, so mischt sich indes auch Frustration und etwas Bitterkeit in die Erinnerungen: Frustration darüber, daß unsere erfolgreiche Arbeit am Nordeuropa-Institut uns nicht vor den Folgen der Kürzungspolitik bewahren konnte; Bitterkeit darüber, wie die deutsche Universitätslandschaft umgebaut worden ist und noch wird. Die gutgemeinte Intention mit dem Bologna-Prozeß, europaweit eine Kompatibilität von Universitätsabschlüssen herzustellen, ist - das läßt sich unschwer prophezeien - angesichts der Vielzahl verschiedener Bachelor und Mastermodelle gescheitert, hat aber zu einer Abschaffung erprobter Studiengänge und zu einem Bürokratismus sondergleichen geführt.

Vielleicht noch fataler: Da die neuen Studiengänge viel mehr Personal als früher erfordern, mußte die Anzahl der Studierenden drastisch gesenkt werden. Wenn gegenüber früher nur noch halb so viele Studierende zum Bachelor zugelassen werden können, von denen wiederum später nur noch ca. 30 Prozent zu einem Masterstudium zugelassen werden sollen, so ist die Möglichkeit, auf dem bisher regulären Niveau ein Studium zu Ende zu führen, zu einer elitären Angelegenheit geworden, die weit entfernt ist von den Zielen der Bildungspolitik früherer Zeiten.

Vor einer anderen Folge der Einführung der BA-/MA-Studiengänge ist das Nordeuropa-Institut wegen seiner Größe zwar gefeit, aber andere Skandinavistiken in der Bundesrepublik hat sie schon ereilt: Weil das Personal in kleineren Instituten nicht ausreicht, einen eigenständigen Skandinavistik-Studiengang anzubieten, verliert die Skandinavistik ihre fachliche Selbständigkeit und wird zu einigen Fachmodulen z. B. im Rahmen eines germanistischen Studienganges reduziert - mit allen Folgen, die dies für die Arbeitsmarktqualifikation der Studierenden sowie die wissenschaftliche Nachwuchssituation hat.

Diese allgemeinen Probleme, die aus der Unterfinanzierung der Hochschulen und einem unreflektierten Reformismus resultieren, werde ich auch in Köln antreffen: Dort kommen derzeit in der Skandinavistik 455 Studierende auf einen Professor. Die Berliner Haushaltskrise mag im Bundesvergleich extrem sein, aber sie ist nicht dafür verantwortlich, daß die Bundesrepublik Deutschland wegen ihrer unterdurchschnittlichen Bildungsausgaben in OECD-Statistiken nur auf Platz 15 liegt. Dies ist vielmehr Ausdruck einer bundesdeutschen Prioritätensetzung, wo (Universitäts-)Bildung in Globalisierungszeiten offensichtlich nicht als die Ressource verstanden wird, die sie ist.

Ich verlasse Berlin mit einem weinenden und einem lachenden Auge - und in der Hoffnung, viele Anlässe zu finden, auch in Zukunft ans Nordeuropa-Institut zu kommen.

 

Stephan Michael Schröder
Berlin, im Juni 2005

 

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