Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 
 

Liebe Leserinnen und Leser!
Liebe Skandinavistik-Studierende!

Vielleicht verrate ich Ihnen ja kein Geheimnis, vielleicht haben Sie das auch schon bemerkt: Im Fortgang eines Semesters nimmt das Stöhnen der Lehrenden über den durch die Wochen und Monate wachsenden Unterrichts- und Verwaltungs-Streß zu. Je älter das Semester wird, desto abgeschlaffter fühlen wir uns. Zugleich mit dem Nahen des Semesterendes keimt die Hoffnung auf eine entspanntere Situation im nächsten.

Die Lebenserfahrung und die gegenwärtige Berliner Situation lehren das Gegenteil: Wir werden auf absehbare Zeit keine "normalen" Verhältnisse mehr bekommen, der Streß (übrigens ist dies eine deutsche Klagevokabel) wird zunehmen. Mit dem ersten Tag des Sommersemesters erreichte uns die Nutzungsuntersagung des Gebäudes in der Glinkastraße durch das Aufsichtsamt Mitte; wir waren dadurch für das ganze Semester in der Ausübung unserer Lehr- und Forschungsverpflichtungen eingeschränkt - weder der Unterricht, noch die Sprechstunden, noch unsere Forschungsaktivitäten konnten wir lege artes durchführen. Die Situation war unhaltbar - sie war entstanden, weil Bonner Experten für das benachbarte Sozialministerium einen Sicherheitsstandard reklamierten, der selbst am Rhein von niemandem erwartet wird; uns fehlte dadurch der gesetzlich vorgeschriebene zweite Fluchtweg.

Im zurückliegenden Semester gab es viele studentische Aktivitäten, mit denen auf die Berliner Haushaltssituation reagiert wurde. Dies geschah trotz der katastrophalen Rahmenbedingungen am Institut - selbst die traditionelle Semestereröffnung konnte erst Ende Mai stattfinden. Daß die Studierenden dieses durchgestanden haben, wie sie es durchgestanden haben, habe ich mit Bewunderung zur Kenntnis genommen. Das Semester wurde gerettet.

Wir gehen davon aus, daß wir im Wintersemester wieder in einem funktionsfähigen Institutszusammenhang arbeiten werden. Wovon wir nicht ausgehen können, ist, daß die Etatkürzungen der Berliner öffentlichen Hand spurlos an uns vorübergehen. Es ist bereits sicher, daß wir drei Kolleginnen und Kollegen verabschieden müssen: Der Vertrag mit Dr. Heike Graf konnte nicht verlängert werden, sie wird allerdings für weitere 1½ Jahre aus Projektmitteln finanziert werden können; zum Jahresende scheidet Andreas Vollmer, der das Isländische engagiert betreut hatte, aus - seine Stelle ist bei uns ausgelaufen; und zum Ende des Wintersemesters wird Dozent Dr. Hans-Jürgen Hube vor Erreichen der Altersgrenze seinen Dienst quittieren müssen. Ihnen allen sei für ihr Engagement in Forschung und Lehre gedankt.

Wie gesagt, dieses sind Anzeichen dafür, daß wir auf absehbare Zeit keine "normale" Situation mehr haben werden. Das enthebt uns nicht der Verpflichtung, produktiv - und gerne ja auch innovativ - mit den knapperen Ressourcen umzugehen. Klagen allein nützt nichts mehr.

Ich wünsche Ihnen trotzdem ein erfolgreiches Semester.


Bernd Henningsen, Institutsdirektor
Berlin, im Juni 1996

 

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