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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 

Skandinavische Literatur im Mittelalter. Eine Einführung.

Buchprojekt

Projektzeitraum: 2000–offen

 

Bearbeiter:

Hartmut Röhn und Julia Zernack

in Kooperation mit:

cand. mag. Stefán Karlsson (Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi, Reykjavík) und mag. art. Britta Olrik Frederiksen (Det Arnamagnæanske institut, Kopenhagen)

Abstract:

Das Buch soll eine auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeitete, aber allgemein verständlich gehaltene Einführung in die skandinavische Literatur des Mittelalters bieten. Es wird die altwestnordische Überlieferung ebenso wie die Literatur Dänemarks und Schwedens berücksichtigen und dies konzeptionell für einen komparativen und kontrastiven Ansatz nutzen. Dabei sind die skandinavischen Zeugnisse als Teil der europäischen Literatur des Mittelalters zu beschreiben. Das Buch richtet sich vor allem an Studierende der Skandinavistik, aber auch an Mediävisten anderer Disziplinen. Das Projekt wird von der Fritz Thyssen Stiftung gefördert.

 

 

Archiv

Eine Einführung.

Buchprojekt

Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hat die mittelalterliche Literatur Skandinaviens in Deutschland besondere Beachtung erfahren. Nicht selten freilich waren ihre verschiedenen Konjunkturen ideologisch fragwürdig motiviert. Das gegenwärtig zu beobachtende Interesse scheint indessen erfreulicherweise in dem Aufschwung begründet zu sein, den die Mediävistik insgesamt in den letzten Jahrzehnten auch international genommen hat.

Angesichts dessen mag es erstaunen, daß in deutscher Sprache keinerlei aktuelles Überblickswerk über das Themengebiet vorliegt. Die letzte größere literaturgeschichtliche Darstellung aus der Feder eines deutschen Nordisten ist Eugen Mogks Geschichte der norwegisch-isländischen Literatur, die 1904 im Grundriß der germanischen Philologie erschienen ist. Ihre Neubearbeitung durch Jan de Vries (Altnordische Literaturgeschichte I-II, 1941-42) war konzeptionell so stark in der Germanenideologie verankert, daß eine Revision 1964-67 dies kaum rückgängig machen konnte. Gleichwohl gilt sie immer noch als Standardwerk. Eine eher knapp gehaltene Einführung in das Themengebiet gibt es nicht, und da eine solche auch international ein Desiderat ist, haben wir uns die Aufgabe gestellt, die mittelalterliche Literatur Skandinaviens in einem kurz gefaßten. aber wissenschaftlich fundiertem Überblick so zu präsentieren, daß auch für Studierende und Mediävisten anderer Disziplinen eine erst Orientierung möglich ist.

Literaturhistorisch gesehen, kann das mittelalterliche Skandinavien mit Skandinavien im heutigen Verständnis nur bedingt gleichgesetzt werden. Denn während die Bezeichnung landläufig meist geographisch oder politisch aufgefaßt wird, ist sie im Kontext der literaturwissenschaftlichen Mediävistik von spachwissenschaftlichen Kriterien bestimmt: Als ›skandinavische Literatur‹ gilt hier die Überlieferung der germanischsprachigen Länder Dänemark, Schweden, Norwegen und Island. Auch wenn sie viele Charaktaristika der europäischen Literatur des Mittelalters teilt, zeigt diese Überlieferung doch zugleich unverkennbar eigene Züge. Sie erklären sich zu einem Teil aus der Lage Skandinaviens am Rand Europas: Gerade im Frühmittelalter ist die Peripherie im Verhältnis zum Zentrum durch eine gleichsam verzögerte Entwicklung gekennzeichnet. und dies wird in Skandinavien v.a. an der ›Verspätung‹ der Christianisierung deutlich. Sie datiert um 1000, mithin vier- bis sechshundert Jahre nach der Bekehrung West- und Südeuropas. In den Jahrhunderten zuvor konnte sich bei den noch heidnischen Wikingern eine hochstehende Kultur entfalten, zu der eine reiche Tradition mündlich gepflegter Dichtung gehörte. Für deren Bewahrung bot das Medium der Schriftlichkeit, welches die Christianisierung in Form der kontinentalen Buchkultur einführte, neue Möglichkeiten in materieller wie in geistiger Hinsicht. Auch wenn die Kodifizierung der überkommenen Dichtung zu einem guten Teil von den Rezeptionsbedürfnissen des Hochmittelalters bestimmt wurde, bleibt es bemerkenswert, in welchem Umfang die Schriftlichkeit spätheidnisch geprägte Gattungen überhaupt erfassen konnte. In diesem Umstand ist das große Interesse begründet, das die skandinavische Literatur des Mitelalters in der Neuzeit - gerade in Deutschland - geweckt hat: Sie tradiert scheinbar genuin germanische Genres, z.B. Edda- und Skaldendichtung, und mit diesen glaubte man ›verlorene‹ Traditionen der kontinentalgermanischen Völker gewissermaßen ersetzen zu können. Indessen offenbart ein Blick auf den Gesamtbestand der Überlieferung die Einseitigkeit dieser Sichtweise, die romantischem ebenso wie zivilisationskritischem Ursprungsdenken verpflichtet ist.

Die vermeintlich autochthonen Gattunggen bilden nämlich nur den kleineren Teil jenes Textkorpus mit volkssprachlichen Zeugnissen, das im Deutschen als ›altnordische Literatur‹ bezeichnet wird. Hier ist jedoch zu differenzieren: Vor allem in Norwegen und Island überwiegt die volkssprachliche (altwestnordische oder auch »norröne«) Tradition den Anteil lateinischer Werke, und die Überreste wikingerzeitlicher Dichtung sind als Bestandteile dieser norrönen Überlieferung erhalten. In Dänemark und Schweden hingegen tritt die volkssprachliche Tradition insgesamt hinter der lateinischen zurück. Als bedeutendste Arbeit des dänischen Mittelalters gilt denn auch ein lateinisch geschriebenes Geschichtswerk, die Gesta Danorum des Saxo Grarmmaticus († ca. 1220). Saxo benutzte, u.a. volkssprachliche Quellen und hat auf diese Weise ebenfalls Relikte ›germanischer‹ Stoffe bewahrt; ihrer Anlage nach sind die Gesta Danorum dennoch ein typisches Beispiel mitrellateinischer Historiographie (Abb. 1). Ohne Zweifel stehen also die Literaturen Dänemarks und Schwedens der kontinentaleuropäischen Literatur des Mittelalters näher als die westnordische Überlieferung. Doch auch in dieser hat das allmähliche Herauswachsen der volkssprachlichen Schriftlichkeit aus der lateinischen Buchkultur Spuren hinterlassen.

So zeigt etwa der Erste Grammatische Traktat (um 1150, Abb. 2) mit seinem eines modifizierten, auf die lautlichen Verhältnisse des Isländischen abgestimmten Alphabets, welche Anpassungsschwierigkeiten zu überwinden waren, bevor sich die, neue Kullurtechnik für die Kodifikation einheimischen Texte eignete. Mit vielen Beispielen illustriert die norröne Literatur des Hoch- und Spätmittelalters, wie sehr sie in die Europas eingebunden ist.

Der Platz der mittelalterlichen Lileraturen Dänemarks, Schwedens, Norwegens und Islands im Traditionsgefüge, der europäischen Literatur tritt bei einer komparativen Betrachtung besonders plastisch hervor. Eine solche vermeidet überdies die Einseitigkeit bisheriger Darstellungen, die meist nur die altwestnordische Tradition berücksichtigt haben. In unserem Buch wollen wir die komparatistische Perspektive mit einem ›überlieferungsgeschichtlichen Ansatz‹ verbinden und an dem Bestand der Handschriften orientirten. Unter ›Anfänge der Literatur‹ etwa verstehen wir ihre Anfänge nach dem Befund der schriftlichen Zeugnisse, nicht ihre - zweifellos vorhandenen, aber kaum greifbaren - Ursprünge in der Mündlichkeit. Den Handschriften als dem materiellen Substrat, der Überlieferung kommt infolgedessen besondere Aumerksamkeit zu. Für die Darstellung ihrer Geschichte haben wir zwei skandinavische Fachleute gewinnen können: Die dänischen und schwedischen Handschriften wird Britta Olrik Frederiksen vom Arnamagnæanischen Institut Kopenhagen behandeln, die westnordischen der Direktor des isländischen Handschriften Reykjavík (Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi), Stefán Karlsson.