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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut


 
 

Clemens Räthel:

Wie viel Bart darf sein? Funktion und Darstellung jüdischer Figuren in den skandinavischen (National-)Theatern im 18. Und 19. Jahrhundert

 

Die Darstellung jüdischer Figuren im europäischen Theater hat eine lange Tradition – immer wieder treffen dabei lächerlich und negativ gezeichnete Figuren auf ihre in aufklärerischer Absicht erschaffenen Glaubensgenossen. Die Spannungsfelder zwischen diesen Polen der Darstellung stehen im Mittelpunkt meiner Arbeit, in der ich die jüdischen Bühnenfiguren in den skandinavischen Ländern in den Blick nehme. Dabei untersuche ich nicht nur die ästhetische Ausrichtung und (Neu-)Bewertung dieser Dramatis Personae, vielmehr zeige ich, auf welche Weise diese Charaktere Bilder, Normen und Wertvorstellungen aktiv mitprägen und so das Theater als einen wichtigen gesellschaftlichen Akteur im 18. und 19. Jahrhundert etablieren.

Durch einen innovativen interdisziplinären Ansatz, der literatur-, theaterwissenschaftliche sowie kulturhistorische Herangehensweisen miteinander verbindet, gelingt es mir, die jeweiligen Aufführungen samt ihrer sozialen Einbettung in den Fokus meiner Untersuchungen zu stellen und so neues Licht sowohl auf die Theaterpraxis als auch auf die historische Verhandlung der Stellung der jüdischen Minderheiten in den skandinavischen Ländern zu werfen. Einerseits überrascht, dass so bekannte Figuren wie Nathan oder Shylock überhaupt nicht auftreten, andererseits die jüdischen Figuren auf den Bühnen des Nordens äußerst vielschichtigen Mustern folgen. Meine analytische Zusammenführung von Aufführungspraxis, gesellschaftspolitischen Prozessen und dramatischen Werken lässt die jüdische Bühnenfiguren und ihre Interaktion mit der „außertheatralischen Wirklichkeit“ in ihrer Komplexität zu Tage treten: So lassen sich die stereotypen Darstellungen von Juden nicht ausschließlich als Zeichen eines verbreitenden Judenhasses lesen, der in den Holocaust führen muss (foreshadowing), noch erhärten sich die Fortschrittsnarrative von vermeintlich kulturell homogenen Gesellschaften, welche von einer stetigen Verbesserung der Lage der Juden in Skandinavien ausgehen. Meine Dissertation bereichert über ihren (theater-)geschichtlichen Hintergrund hinaus somit auch die aktuelle Debatte um Voraussetzungen gesellschaftlicher Teilhabe (nicht nur in Skandinavien).

Anhand wichtiger Kristallisationspunkte zeige ich, wie sich Markierungen des Jüdischen im Zeichen von Emanzipation und Akkulturation verschieben. Dabei fokussiere ich nicht auf die Frage nach der „Menge“ anti- oder philosemitischer Stereotype, sondern zeige die Funktionen der „Bühnenjuden“ im Bedeutungskosmos des Theaters – und damit auch im sozialen Miteinander. In Anbetracht der Aufführungstraditionen in den einzelnen Ländern wird deutlich, dass die häufig postulierten Diskrepanzen zwischen „guten“ und „schlechten“, „nützlichen“ und „verwerflichen“ Juden in der Auseinandersetzung nicht an Relevanz verlieren. Die Ergebnisse meiner Dissertation ermöglichen jedoch neben diesem Entweder-Oder den Blick auf ein Sowohl-als-Auch, auf die niemals ganz eindeutigen Funktionen und Wirkungsweisen dieser Figuren sowie auf die Wechselwirkungen zwischen Bühne und Publikum. Ich lasse dabei Zwischenpositionen, Ambivalenzen sowie Widersprüche zu und zeige die skandinavischen Bühnen als Orte, die statt Shylock und Nathan ganz eigen ausgeformten Charakteren Raum bieten und dabei Fragen verhandeln, die bis heute nicht an Aktualität eingebüßt haben: Wie (un-)sichtbar darf der Andere auftreten, welche Bedingungen werden an gesellschaftliche Teilhabe geknüpft – oder anders gefragt: Wie viel Bart darf sein?

 

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