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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut


 
 

Izabela Dahl:

Ausschluss und Zugehörigkeit. Polnische jüdische Zwangsmigration in Schweden nach dem Zweiten Weltkrieg (Antje Lann Hornscheidt, Lars Olsson/Linnaeus Universität)

Nach dem Zweiten Weltkrieg und durch die politische antisemitische Kampagne, die 1968 in Polen in den Gang gesetzt wurde, haben sich viele polnische Jüd_innen entweder dazu entschieden, Polen nicht mehr als Heimatland anzusehen oder es wurde ihnen diese Option entzogen. Trotz der aktuellen politischen, medialen und nicht zuletzt wissenschaftlichen Bemühungen gehören die Zwangsmigrierten nicht zum polnischen kollektiven Gedächtnis und fragen sich häufig, ob und wo sie einen Platz in der polnischen Geschichte haben.

Die zentralen Fragen der Arbeit sind: Welchen Einfluss haben die historischen Umstände auf die Identitätskonstruktionen? Inwiefern markieren die politischen Umbrüche Veränderungen in den Identitätskonstruktionen? Wie wird der historische Kontext, der zur Migration der polnischen Jüd_innen geführt hat, in der Forschung, in den Medien und in den Institutionen verhandelt? Welche Konsequenzen haben die Umstände der Migration für die Formation der narrativen Identitäten der Zwangsmigrant_innen in Schweden?

In meiner Arbeit entwickle ich einen methodisch-theoretischen Zugang, der eine Kombination von Methoden der Geschichtsforschung und der kritischen Diskursanalyse aus der neuen feministischen Perspektive der Geschlechterstudien ist und lege diesen einer empirischen Untersuchung zugrunde. Dieser Zugang ermöglicht auch, die Praktiken der Oral History anzuwenden, die in der Migrationsforschung noch immer vernachlässigt werden. Vor dem Hintergrund, dass sich immer noch die meisten Forschungsstudien auf Material der Forschungs- und Mediendiskurse sowie der institutionellen Praxis schwerpunktmäßig stützen, in dem die Identitätskonstruktionen primär von der Perspektive der Mehrheit untersucht werden, beziehe ich hier die bisher ausgeblendete Selbstpositionierungsperspektive der Migrant_innen als einen tragenden Teil der empirischen Studie ein.

Schweden ist eines der Länder, die in der Nachkriegsgeschichte für polnische Jüd_innen eine wichtige Rolle als ein Aufnahmeland spielt.

Die historisch-kulturwissenschaftliche Studie analysiert sowohl die politischen und kulturellen Verhältnisse in Polen der Jahre 1945-1946 und 1968-1972 als auch in dem neuen Land. Neben umfangreichen Archiv- und Presseuntersuchungen erweitern die Stimmen der Zwangsmigrierten die Kenntnisse über die gesellschaftliche Situation, innen-jüdische Relationen in Schweden und politische Verbindungen im südlichen Ostseeraum.

Die untersuchten Fragen waren auf die historischen Umstände der Identitätskonstruktionen der polnischen jüdischen Zwangsmigrant_innen in Schweden nach dem Zweiten Weltkrieg ausgerichtet.

Eines der Ergebnisse ist die Instrumentalisierung des polnischen Antisemitismus‘ durch die polnischen Regierungen, die die polnischen Jüd_innen sowohl in den Jahren 1945-1946 als auch in den Jahren 1968-1972 adressiert und beeinflusst hat. Das Ergebnis der Untersuchung der Berichterstattung über die polnische Jüd_innen in Schweden betrifft den Charakter der Informationsvermittlung in der schwedischen Presse vor dem Hintergrund größerer staatlich organisierter Hilfsaktionen, den ich mit dem Begriff der Selbstzensur der Presse bezeichne. Dieser Befund betrifft Presseorgane der beiden politischen Lager, des liberalen und des kommunistischen sowie beide Zeitperioden.

Die soziale Praxis der Aufnahme der polnischen Jüd_innen in Schweden lässt einen eines institutionellen Lernprozesses beobachten, der eine Effektivierung des staatlichen Integrationssystems anstrebt. In beiden Zeitperioden werden die gleichen Institutionen in die Aufnahme eingebunden und diese bauen bei der Effektivierung der spezifischen Abläufe stets auf den bereits institutionell bewährten Methoden, wobei die kritischen Stimmen der Migrant_innen zwar vernommen werden, in besonderen Angelegenheiten häufig dennoch zugunsten des Systems entschieden werden wurde. Bei der Aufnahme der polnischen Jüd_innen in beiden Zeitperioden galt die Eingliederung der Zwangsmigrant_innen auf den Arbeitsmarkt als das wichtigste Integrationsinstrument. Dabei waren die Chancen für Frauen und Männer institutionell unterschiedlich bewertet, wobei die so genannten intellektuellen Flüchtlinge eine besondere Herausforderung darstellten. Die schwedische institutionelle Praxis in der Schaffung von Archivarbeiter_innenstellen stand hier im Vordergrund der staatlichen Bemühungen.

Bei den jüdischen Überlebenden, die mit den "Weißen Bussen" und der UNRRA sowie später direkt aus Polen kamen, handelte es sich meistens um recht junge Menschen ohne Ausbildung. Über die soziale Zusammenschlüsse polnischer Jüd_innen, die gleich nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Leben in Schweden fortsetzten ist festzuhalten, dass sie aufgrund der Erinnerung an den polnischen Antisemitismus der Vorkriegszeit, einer anderen KZ-Erfahrung als die politischen Überlebenden und der antisemitischen Diskriminierungserfahrung von polnischen Überlebenden in Schweden nur selten Kontakte mit den polnischen Oppositionellen knüpften. Was die jüdischen und nicht-jüdischen Migrant_innen in dieser Zeit verband, war das Interesse am Verbleib in Schweden. Bis heute bestehen kaum Verbindungen zwischen den jüdischen Migrant_innen der Jahre 1945-1946 und den polnischen nicht-jüdischen Kreisen.

Zu den Differenzierungsmechanismen innerhalb der jüdischen Kreise in Schweden gehört die Holocausterfahrung, die als Erfahrung der nicht-schwedischen Jüd_innen gilt sowie die hauptsächlich religiosisierenden Stereotypen, die in verschiedenen Kontexten immer noch auftauchen und pejorativ an die polnischen Jüd_innen adressiert werden.

Im Gegensatz zu dem "Nicht-vergessen-können" ist es für die späteren Zwangsmigrant_innen das "Teilen-gleicher-Erfahrung" des politisch instrumentalisierten Antisemitismus, der Erfahrung eines ausschließenden politischen Systems, der zum Verlust der Staatsangehörigkeit und einer erzwungenen Migration führten, ein Mechanismus, der durch das "Teilen-gleicher-Vergangenheit" zum Aufbau sozialer Kontakte in Schweden geführt hat. Der mit der politischen Situation einhergehende soziale Ausschluss war ein starker identitätsbildender Faktor, der das Gefühl der Zugehörigkeit weitgehend beeinflusst. 

Die Erfahrung des polnischen politisch instrumentalisierten Antisemitismus, der zum Ausschluss der Jüd_innen 1968 aus dem polnischen Kollektiv führte, wurde durch das "Teilen-gleicher-Erfahrung" der  Zwangsmigration erweitert. Die Zwangsmigrant_innen entwickelten eigene soziale Netzwerke, die diverse Zusammenkünfte und gemeinsame Feste organisieren.

Zwischen der intellektuellen Elite der Solidarnosc-Bewegung und denjenigen, die Polen verließen, gibt es vielfältige Zusammenarbeit und Freundschaftsbeziehungen. Die politischen Kontakte nach der Zwangsmigration blieben erhalten und führten dazu, dass die aus Polen emigrierten Jüd_innen aus dem schwedischen Ausland ihre Unterstützung der Widerstandsbewegung leisteten. Es ist jedoch bezeichnend, dass dieses Engagement in Abgrenzung zu der früheren Zwangsmigration der polnischen Jüd_innen stattfand und von den jüdischen Überlebenden der Jahre 1945-1946 häufig nicht verstanden wurde.

Identitäteskonstruktionen hängen mit Zusammengehörigkeitsgefühlen zusammen. Diese Studie zeigt aber, dass das Jude-Sein kein ausreichendes Merkmal ist, um dadurch determinierte dauerhafte soziale Zugehörigkeitsnetzwerke zu bauen. Hier spielen andere soziale Kategorisierungen eine wichtige Rolle: die Religiosisierung, die Lokalität, das politische Engagement, die gemeinsame Erfahrung der Vergangenheit.

Die Ergebnisse dieser Studie beantworteten nicht nur eine Vielzahl an spezifischen Fragestellungen. Sie eröffneten gleichzeitig eine Reihe an interessanten politischen Zusammenhängen, die ein neues Licht auf den schwedischen politischen Einsatz in Europa des Kalten Krieges werfen könnten.

 

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