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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut


 
 

Johanne Ostad:
Zweisprachigkeit bei Kindern mit Down-Syndrom

Gegenstand der Promotion ist es, aus linguistischer Sicht die Frage zu beantworten, ob und wie es für ein Kind mit Down-Syndrom möglich ist, mit zwei (oder mehr) Muttersprachen aufzuwachsen. Wenn eine zweisprachige Erziehung schon für normal entwickelte Kinder häufig als eine Herausforderung angesehen wird, so stellt sich die Situation für ein Kind mit Down-Syndrom, das in einer multikulturellen Familie aufwächst, ungleich schwieriger dar. Neben den Vorbehalten bezüglich der sprachlichen Entwicklung sind zusätzliche Faktoren wie der Umgang mit der Behinderung an sich und die Einstellung des Umfelds zur geistigen Behinderung entscheidend für die Gesamtentwicklung des Kindes und die natürlichen Umgangsformen in der Familie.
Die Berechtigung einer negativen Einstellung zur Zweisprachigkeit bei Kindern mit Down- Syndrom ist in keiner Weise durch wissenschaftliche Untersuchungen als haltbar untermauert. In der Promotion wurde daher an authentischem Sprachmaterial aus linguistischer Perspektive untersucht, welchen Einfluss die zweisprachige Erziehung bei Kindern mit Down-Syndrom auf ihre Sprachentwicklung ausübt.

Als theoretischer Unterbau der Analyse, wird zunächst die für die Untersuchung relevante Literatur aus Linguistik, Medizin, Psychologie und Erziehungswissenschaften vorgestellt und kritisch evaluiert.
Im ersten Kapitel wurde der Versuch unternommen, ein auf diesen Informationen basierendes mehrdimensionales Modell der Kommunikationsfähigkeit der Kinder mit Down-Syndrom zu entwickeln. Dieses Modell geht nicht vom Verhalten normal entwickelter Kinder aus, sondern von den realistischen Ausdrucksmöglichkeiten eines Kindes mit Down-Syndrom aus.
Der empirische Teil der Arbeit besteht aus zwei Fallstudien und einer Umfrage.
Für die Fallstudien wurden zwei zweisprachig aufwachsende Kinder mit Down-Syndrom über zwei Jahre begleitet. Es handelt sich hierbei um einen Jungen, der schwedisch-deutsch aufwächst, und ein Mädchen, dessen Familiensprachen Griechisch und Deutsch sind.
Es wurden regelmäßig Aufnahmen der Spontansprache durchgeführt, die anschließend transkribiert wurden. Die Analyse erfolgt auf mehreren linguistischen Ebenen. Auf der Beschreibungsebene soll die Entwicklung des Spracherwerbs bei zweisprachigen Kindern mit Down-Syndrom dargestellt werden. Diese soll mit Erkenntnissen aus der Literatur zur monolingualen Sprachentwicklung von Kindern mit Down-Syndrom verglichen werden, um eventuelle Unterschiede festzustellen. Diese Ergebnisse wurden dann in Bezug zum Input des jeweiligen Kindes gesetzt.
Zusätzlich wurden die ermittelten Daten aus soziolinguistischer Perspektive interpretiert. Dabei wurde untersucht, inwiefern Faktoren wie Kultur, sozialökonomischer Status, Geschwisterstellung oder Geschlecht für die Sprachentwicklung eine Rolle spielen. Diese Perspektive ist nötig, um zu einem möglichst differenzierten Bild in diesem bisher unerforschten Bereich zu gelangen.
Um die Ergebnisse der Fallstudie in einen größeren Rahmen zu stellen wurde ein Fragebogen entwickelt. Der Fragebogen wurde an zweisprachige Familien in Skandinavien sowie im deutschsprachigen Raum versendet, die ein Kind mit Down-Syndrom haben. Im Fragebogen wird den Familien die Möglichkeit gegeben, über Erfahrungen mit der Zweisprachigkeit zu berichten. Die Analyse der Befragungsresultate wird mit den Ergebnissen der Fallstudie verglichen und bildet somit einen wichtigen Teil der empirischen Untersuchung, die sich so durch eine methodische Triangulation auszeichnet.

In der Arbeit wurde belegt, dass Kinder mit Down-Syndrom die Fähigkeit zum bilingualen Erstspracherwerb besitzen. Sie können lernen, zwei Sprachen zu verstehen und sich in diesen auszudrücken. Diese Sprachen werden selten gleich gut beherrscht. In den meisten Fällen dominiert die Umgebungssprache.
Ferner können die Kinder lernen, die Sprachen der Situation angemessen zu verwenden, wenn die Eltern selbst konsequent zwischen den Sprachen trennen.
Die Kinder weisen in den meisten Fällen eine Diskrepanz zwischen expressivem und rezeptivem Sprachgebrauch auf. Teilweise sind Kinder mit Down-Syndrom für Außenstehende schwer verständlich. Eine schwere Verständlichkeit oder gar Beeinträchtigung der Sprache ist nicht mit der zweisprachigen Erziehung zu begründen und auch bei monolingualen Kindern mit Down-Syndrom zu beobachten.
Durch die Antworten auf den Fragebogen konnte ermittelt werden, dass den meisten Eltern von einer zweisprachigen Erziehung abgeraten wurde. Die sprachliche Entwicklung der Kinder mit Down-Syndrom wird als so beeinträchtigt angesehen, dass das Erlernen von zwei Sprachen als eine Überforderung gilt. Die Beratung durch Fachleute, die auf diesen Einstellungen beruht, führt zu Unsicherheit bei den Eltern in Bezug auf die sprachliche Erziehung. In der Konsequenz wird das Kind sprachlich unterfordert. Die Unterforderung führt dazu, dass die Kinder die potenziell vorhandene Sprachfähigkeit nicht erreichen, was wiederum Vorurteile untermauert.
Das allgemeine "Wissen" über die sprachlichen Kompetenzen der Kinder mit Down-Syndrom bleibt unverändert, eine weitere Forschung wird als überflüssig angesehen.

Die Ergebnisse dieser Untersuchung stehen in Kontrast zu der allgemeinen Auffassung über Entwicklungsmöglichkeiten bei Kindern mit Down-Syndrom.
Wenn beratende Institutionen sich über die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder informieren würden, wäre dies eine Erleichterung für die betroffenen Familien. Durch institutionelle Unterstützung einer zweisprachigen Erziehung könnten die Eltern ihre Kinder nachhaltiger fördern. Die Sprachentwicklung wird nicht durch Verwirrungen und Unsicherheiten der Eltern beeinträchtigt, die selbstverständlich das Beste für ihr Kind wollen.
Konsequente Unterstützung der Eltern kann zu einer verbesserten Kommunikationsfähigkeit der Kinder führen, was den Stellenwert von Menschen mit Down-Syndrom in der Gesellschaft positiv beeinflussen würde

 

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