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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut


 
 

Ursula Geisler:
Schwedischer "folksång" und deutsche "Nationalhymne". Kulturelle Konstruktionen nationaler Gesangsgemeinschaften
(Diss. Manuskript. Berlin 2000. 263 Seiten)

Wenn Nationalhymnen auch häufig ausschließlich politisch kontextuiert werden, gründet doch deren Plausibilität (als nationale Symbole) zu einem Großteil auf musik- beziehungsweise gesangsphilosophischen Vorstellungen, die seit Ende des 18. Jahrhunderts die Funktion gemeinsamen Singens des "Volkes" eingrenzten. Die Möglichkeit der politischen Funktionalisierung eines Musikbereiches, wie sie durch die Anbindung einer Hymne, eines Liedes an den Gedanken der Nationenbildung und -aufrechterhaltung gegeben ist, stand dabei in komplexer Beziehung zu sowohl Begriffsbildung als auch Musikdeutung. Diesbezüglich können wechselseitige Abhängigkeiten der Begriffe "Kultur", "Nation" und "Musik" für jedes europäische Land angenommen und im jeweiligen wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen landessprachlichen Diskurs nachgewiesen werden. Die Dichotomisierung von Kunstmusik versus Volksmusik läßt sich dabei nicht nur in einzelnen Regionen und zeitlich punktuell, sondern europaweit seit dem späten 18. Jahrhundert nachweisen. Sie wurde unter anderem dazu benutzt, um eine jeweils eigene "nationale" Kultur gegen andere "nationale" Kulturen abzugrenzen.
Daher zieht sich wie ein roter Faden durch diese Arbeit die Frage nach den deutsch- und schwedischsprachigen gesangsphilosophischen Voraussetzungen für die Idee jeweiliger "nationaler Lieder". Schwedisch-deutsche länderübergreifende Abhängigkeiten werden hier mit jeweiligen nationalen Einbindungen konfrontiert und in Beziehung zur öffentlichen Gesangs-Praxis gesetzt. Dieser Aspekt der Funktionalisierung der menschlichen Gesangsstimme - mit deren Abhängigkeit von gesangsphilosophischen Diskursen - in Form einer an die Nation gekoppelten Liedform, hat bis jetzt nur marginal Forschungsinteresse geweckt.
Die Ähnlichkeit der nationalmusikalischen Austragungs- und Bewertungsorte -Liedertafeln, Männerchöre, Studentenschaften etc. - verweist dabei eher auf den Gedanken europäischer Gemeinsamkeiten "nationaler" Bewertungen als auf eine in der Objektform angelegte Abgrenzungsmöglichkeit. Im Kontrast dazu hoben sich die landeseigenen Diskurse über "das Nationale" als konstruierte Interessendiskurse deutlich ab und wirkten zurück auf den europäischen Musikdiskurs. Als "national" deklarierte Lieder Schwedens und Deutschlands lassen sich daher auf der Ebene der musikalischen und textlichen Formgebung als Teil eines europäschen Lieddiskurses auffassen, der jeweils "national" gedeutet wurde. Die Unterscheidungen von Vierstimmigkeit versus Einstimmigkeit sowie Kunstmusik versus Volksmusik wirkten in beiden Ländern als Leitdichotomien, zu denen "nationale" Lieder in Beziehung standen. Das hatte Auswirkungen auf die Strukturen und die öffentliche Ritualisierung spezifischer Lieder.

Die Arbeit verwendet reichhaltiges historisches Quellenmaterial und dokumentiert dieses über den Text hinaus in einem ausführlichen Anmerkungsapparat. Darunter findet sich ein vollständiges Verzeichnis der deutschen Korrespondententätigkeit über schwedische Musikverhältnisse in der AMZ von 1799-1848 ebenso, wie ein Nachweis der Berichterstattung in der Musiktidningen über schwedische Gesangstätigkeiten in Amerika 1899-1901; ein Überblick über die Grammophonaufnahmen schwedischer "nationaler" Lieder von 1898-1928 so, wie eine Auswahl der in den Archivierungstexten deutscher Tonwochenschauen und Dokumentarfilme von 1933-1945 erwähnten Funktionalisierungsrahmen von "Deutschlandlied" und "Horst-Wessel-Lied". Sie ist außerdem mit Notenbeispielen illustriert, die hier zum Teil in deutscher Erstveröffentlichung vorliegen.

 

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