Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 

 

Anke Hees:
Die Gestalt des Kindes und das Motiv der Kindheit bei Birgitta Trotzig

Die Magisterarbeit zeigt auf, daß in Birgitta Trotzigs Romanen eine leitmotivische Verwendung des Kindheitsthemas vorliegt und die Kinderfiguren eine bedeutende Funktion für die Gesamtaussage des Textes besitzen. Die Trotzig-Forschung hat dem Aspekt der Kindheit bisher kaum Beachtung geschenkt. Die betreffende Arbeit versteht sich als Beitrag, diese Lücke zu schließen, und rückt die unterschiedlichen Gestaltungen des Kindlichen in Trotzigs Werk in den Mittelpunkt des Untersuchungsinteresses. Die Analyse der vier Romane De utsatta (1957), En berättelse från kusten (1961), Sveket (1966) und Dykungens dotter (1985) orientiert sich daran, in welchen Variationen und Dimensionen das Motiv der Kindheit und die Gestalt des Kindes zum Tragen kommen.

Erkenntnisse aus der Psychoanalyse, der Sozialgeschichte und weiteren Wissenschaftszweigen, die sich mit der Kindheitsforschung beschäftigen, werden im Verlauf der Analyse einbezogen, und intertextuelle Bezüge zu Kinderfiguren aus Religion und Mythologie werden überprüft.

Die Kindergestalten sind auf unterschiedliche Weise von Leid betroffen: sie werden als unerwünschte Kinder geboren, werden ausgesetzt, sterben teilweise schon im Säuglingsalter und werden von Erwachsenen körperlich mißhandelt und psychisch mißbraucht. Die emotionale Bindung der Kinder an Eltern oder Pflegepersonen ist überwiegend unterentwickelt; teils wachsen sie isoliert von anderen Kindern auf, teils gehen sie in der Schar ihrer Geschwister förmlich unter.

Es lassen sich in allen vier Romanen zwei Textebenen unterscheiden, eine realistische, die soziale Bezüge sichtbar macht, und eine symbolische, die mythologische und insbesondere religiöse Zusammenhänge herstellt, so daß die handelnden Figuren einem Doppelperspektivismus unterliegen. Beide Textebenen durchdringen und ergänzen sich gegenseitig.

Religiöse Symbolik und archetypische Bilder sind Grundbestandteile der Kinderdarstellungen in den untersuchten Romanen und werden in der Chronologie ihrer Entstehung zunehmend mit psychologischem Realismus verknüpft.

Die Tendenz, die Kindheit zu nobilitieren, basiert zum einen auf der im Laufe des lezten und dieses Jahrhunderts gewachsenen Erkenntnis, daß das Kind als autonomes Wesen einen einzigartigen, individuellen Wert besitzt, zum anderen auf dem engen Bezug der Kindergestalten zum Göttlichen. Besonders hervorgehoben sind dabei in allen Romanen Geburtsschilderungen bzw. das Bild des ungeborenen Kindes, anhand derer die Korrespondenz des Kindes mit einem religiösen Intertext zutage tritt.

Als Grundmuster und Zentrum der untersuchten Romane fungiert die Leidensgeschichte Jesu, die eine ständige Verbindung zwischen dem abwesenden Gott, Christus und den Niedrigen, Ausgegrenzten unter den Menschen begründet. So sind Themen wie der Tod und die Auferstehung der Liebe, die Bedrohung und Einsamkeit des Menschen angesichts einer Welt, in der Gott einzig durch seine Abwesenheit zu existieren scheint, aufs engste mit Kindergestalten verflochten und werden anhand derer im wesentlichen gestaltet.

Trotz der Aufwertung kindlicher Charaktere in Trotzigs Romanen läßt sich nicht von einer Idealisierung derselben sprechen. Die Kinderdarstellung verzerrt oder beschönigt die Wirklichkeit nicht, vielmehr sind Kinder Exponenten menschlichen Leidens. Dagegen läßt sich Trotzigs Nähe zu der literarischen Tradition eines verklärenden Kinderbildes feststellen, wenn sie die Rätselhaftigkeit des Kindes und seine Verbundenheit mit der Natur und dem Göttlichen betont. Damit fügen sich Trotzigs Kindergestalten in eine literarische Tradition von Kinderdarstellungen ein, die an keine Epoche fest gebunden ist: den enigmatischen Kindern, die an mythologische 'Urbilder' des Kindes anknüpfen, wie sie C.G. Jung in seiner Archetypenlehre beschrieben hat und die bereits in den Religionen und Mythen der Völker vorhanden sind.

 

"" Magisterarbeiten im Fachteil Neuere skandinavische Literaturen 1996