Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

forum NORDEUROPA Wintersemester 2006/07

Mit forum NORDEUROPA will das Nordeuropa- Institut der Humboldt-Universität zu Berlin ausgewählte Vorträge über die Universität hinaus einem größeren Publikum zugänglich machen.

Im gesellschaftlichen und politischen Diskurs Europas, nicht zuletzt Deutschlands, gilt der Norden häufig als Modell und Vorbild. Dennoch stehen der Norden und Europa sowohl in der Forschung als auch in der öffentlichen Diskussion häufig isoliert nebeneinander; Forschung im und über den Norden findet oft ohne Einbeziehung der europäischen Perspektive statt, umgekehrt fehlt vielfach das Bewusstsein dafür, dass die nördlichen Perspektiven sehr wohl etwas zu europäischen Fragen und Problemlösungen beitragen können.

Im Norden wird inzwischen zunehmend nach den Verbindungen und Verflechtungen der Region mit dem übrigen Teil des Kontinentes gefragt. Man spricht über den Norden in Europa statt über den Norden und Europa. Damit einher geht ein neues Verständnis der Region. Neben dem klassischen Nordeuropa mit Island, Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland ist zunehmend eine Erweiterung des Raumkonzeptes zu beobachten, das die Perspektive nach Osten eröffnet und die Ostseeregion einbezieht. Diesen Forschungsstrategien hat sich auch seit längerem das Nordeuropa-Institut geöffnet.

Mit der Vortragsreihe forum NORDEUROPA sollen die Verbindung zwischen dem Norden und Europa hergestellt und solche Themen einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, die für das gesamte Europa von Bedeutung sein können. forum NORDEUROPA ist als Plattform für die Präsentation von aktuellen nordeuropäischen Fragen gedacht, wobei die Betonung auf europäisch liegt. Die nördlichen Dimensionen, die die Vortragenden in ihren Beiträgen aufzeigen, sollen gleichzeitig europäische Perspektiven eröffnen. Die Themen decken die ganze Bandbreite aktueller kulturwissenschaftlicher Fragestellungen ab.

Die Veranstaltungen finden am Nordeuropa-Institut, Hegelplatz 2, 10117 Berlin statt. 
Beginn: 18.15 Uhr 
Programm als pdf-Datei
 

 

 

Di
24.
Okt. 2006

Norway and National Socialism

Bernt Hagtvet

Universität Oslo

Henrik-Steffens-Vorlesung

Bernt Hagtvet ist Professor für politische Wissenschaft an der Universität Oslo. Er hat viele Bücher herausgegeben und geschrieben und ist einer der hervorragendsten Publizisten Norwegens. Gerade hat er den sogenannten norwegischen Humanisten-Preis bekommen. An der vergleichenden Forschung zu Faschismus und Nationalsozialismus hat er sich intensiv beteiligt, nicht zuletzt als Mitherausgeber des Standardwerks "Who were the Faschists?"
Mit Hans Fredrik Dahl und Guri Hjeltnes hat er ein Buch über den norwegischen Nationalsozialismus geschrieben. In seinem Vortrag wird er über neuere Forschungsliteratur zu Norwegen und dem Nationalsozialismus berichten, aus den Bereichen Politologie, Soziologie und Geschichte. Er wird auch auf die große Biographie Hans Fredrik Dahls zu Vidkun Quisling eingehen, die sowohl in norwegischer wie in englischer Sprache erschienen ist.

Do
2.
Nov. 2006

Neither Hitler nor Quisling: Radical neo-pagan national socialism in Norway 1933-1945.

Terje Emberland

H-L-Senteret Oslo

Henrik-Steffens-Vorlesung

Terje Emberland ist gegenwärtig Forscher am gerade offiziell eröffneten Osloer Zentrum für Holocaust- und Minderheitenforschung. Er hat mit seinem Buch Religion og rase. Nyhedenskap og nazisme i Norge 1933–1945 (2003) das Wissen über norwegisches Neuheidentum in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stark erweitert, wobei auch Verbindungen zu verwandten deutschen Strömungen (insb. Die deutsche Glaubensbewegung) in den Blick geriet. Mit Bernt Roughtvedt schrieb er auch eine viel beachtete Biografie über den Verfasser, Abenteurer und Nationalsozialisten Per Imerslund (Det ariske Idol,2004), und außerdem verfasste er das Kapitel über Antisemitismus in Norwegen 1900–1940 im 2004 erschienenen norwegischen Standardwerk Jødehat (Hrsg. Berg Eriksen, Harket, Lorenz, mit Beiträgen auch von der NI-Mitarbeiterin Izabela Dahl).

Mi
8.
Nov. 2006

Does Swedish still have a future in Finland?

Jan Sundberg

Helsinki

Dag-Hammarskjöld-Vorlesung

Jan Sundberg, geboren 1949, ist seit Anfang der 1990er Jahre Professor am Institut für "allmän statslära", "allgemeine Staatslehre", d.h. Professor in Politikwissenschaft an der Universität Helsinki. Er engagiert sich im ECPR (European Consortium for Political Research) und in der NOPSA (Nordic Political Science Association). Seine Publikationen verbinden den Blick auf Finnland mit einer Betrachtung anderer Länder Europas, wie seine Artikel und Herausgaben zeigen, etwa zur Sozialdemokratischen Partei Finnlands ("The Finnish social democratic party". In: Social democratic parties in the European Union : history, organizations, policies, 1999) und zur Sozialdemokratie in Nord- und Südeuropa (Social Democracy in Transition: Northern, Southern and Eastern Europe. Hrsg., zusammen mit Lauri Karvonen. 1991); zu Parteien und Parteisystem in Finnland (Partier och partisystem i Finland, 1996)), als Herausgeber auch zum Parteiensystem in den nordischen Ländern (Partier och intresseorganisationer i Norden, 2001).

1985 promovierte er zu "Svenskhetens dilemma i Finland: Finlandssvenskarnas samling och splittring under 1900-talet". Wie auch in seinem aktuellen Vortrag beschäftigte er sich bereits hier mit dem Schwedischem als früher dominierender Sprache in Finnland, die jedoch schnell an Bedeutung verlor und heute einer rasch fortschreittenden Ausdünnung der finnland¬schwedischen Gruppe in Finnland unterliegt. Während er den Problembereich damals aus einer auf Parteien ausgerichteten Perspektive untersuchte, wird sein Vortrag am 8.November in einer breiteren Perspektive weitere spannende Aspekte beleuchten.

Di
28.
Nov. 2006

 

Flexibilität und Sicherheit am Arbeitsmarkt - das dänische Flexicurity-Modell

Jørgen Hansen

Direktor a.D. des Dänischen Industrieverbandes Dansk Industri Kopenhagen

Georg-Brandes-Vorlesung

Kündigungsschutz auf Dänisch: Seit der durch Bundeswirtschaftminister Glos angefachten Debatte über den Kündigungsschutz wird das dänische Arbeitsmarktmodell mehr denn je in Deutschland diskutiert. Die zentralen Frage lautet: Wie lässt sich ein gelockerter Kündigungsschutz mit hoher sozialer Sicherheit und einer aktiven Arbeitsmarktpolitik kombinieren?

Im Anschluss an die Veranstaltung lädt die Kgl. Dänische Botschaft zu einem Empfang.

Di
12.
Dez. 2006

Die langen Schatten der Besatzungszeit. Stationen und Probleme der Vergangenheitsbewältigung in Norwegen.

Susanne Maerz

Universität Freiburg

Henrik-Steffens-Vorlesung

Eine Nation im Widerstand - als solche hat sich Norwegen lange Zeit gesehen, wenn es um das Verhalten während der Zeit der deutschen Besatzung zwischen 1940 und 1945 ging. Die Mitglieder der kollaborierenden "Nasjonal Samling" wurden dafür aus der nationalen Gemeinschaft herausdefiniert. Diese vorgestellten Spaltung der Nation wird in öffentlichen Debatten über verschiedene Aspekte der Besatzungszeit immer wieder neu verhandelt. Wie dies geschieht und wie sich dabei das nationale Selbstbild ändert, soll anhand der größten öffentlichen Debatten zwischen 1965 bis 2005 dargestellt werden. Dabei lässt sich für die 60er Jahre ein Bedürfnis nach einem einheitlichen Geschichtsbild feststellen, zu dessen Gunsten Differenz überdeckt wird. Während dieses starre Bild in den 70er Jahren erste Risse enthält, werden ihm in den 80er Jahren bislang vernachlässigte Geschichten hinzugefügt. Zudem wird die wissenschaftliche Fokussierung auf den Widerstand zum ersten Mal sowohl thematisiert als auch problematisiert. In den 90er Jahren wird das heroische Widerstandsbild zum einen verteidigt, zum anderen ist ein Bewusstsein der moralischen Verantwortung gegenüber verschiedenen Opfergruppen festzustellen, das mit der Thematisierung traumatischer Kapitel der Besatzungs- und Nachkriegszeit einhergeht.
Susanne Maerz (1974) hat in Freiburg und Bergen Geschichte, Germanistik und Skandinavistik studiert und promoviert am Institut für Skandinavistik der Universität Freiburg. Thema der Doktorarbeit ist die öffentliche Auseinandersetzung mit der Besatzungszeit in Norwegen von 1965 bis 2005.

Di
16.
Jan. 2007

The Marked and the Unmarked: National Flags in the Scandinavian Countries.

Thomas Hylland Eriksen

Universität Oslo/Vrije Universität Amsterdam

Henrik-Steffens-Vorlesung

Thomas Hylland Eriksen ist Professor für Sozialanthropologie an der Universität Oslo und der Vrije Universität Amsterdam, und leitet ein Forschungsprogramm über kulturelle Komplexität im neuen Norwegen. In jungen Jahren hat er schon eine große Anzahl Bücher geschrieben, wovon einige auf English und einige in vielen Sprachen übersetzt sind, nicht zuletzt ein Buch über die Zeit (auf deutsch erschienen unter: Immer schneller, immer mehr, Herder 2003). Er ist der aktivste Publizist des Landes und hat sich insbesondere mit Fragen der Einwanderung und der multikulturellen Gesellschaft beschäftigt. Er leitet ein Forschungsprogramm über kulturelle Komplexität im neuen Norwegen. Einige neuere Publikationen: What is Anthropology? (erw. Ausg. 2004), Røtter og føtter (2004), Engaging Anthropology (2005).

Sein Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, wie die Flagge vornehmlich in den drei skandinavischen Ländern verwendet wird und was dies verrät: in Norwegen ziemlich begeistert und sakral, in Schweden mehr subtil, versteckt und ironisch, in Dänemark mehr kommerziell.

Di
23.
Jan. 2007

Abkehr und Wiederentdeckung ­ Deutsche Kultur in Dänemark nach dem 2. Weltkrieg

Prof. Per Øhrgaard

Literaturwissenschaftler an der Copenhagen Business School

Georg-Brandes-Vorlesung

Die Wiederentdeckung der deutschen Kultur: Die Dänen haben keine Wahl, sie müssen die Kultur ihres großen Nachbarlandes Deutschland wahrnehmen. Viele Jahre lang geschah dies mit Skepsis oder gar mit Desinteresse. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert: Die deutsche Kultur ist heute gefragt wie lange nicht mehr. Per Øhrgaard, dänischer Germanist, untersucht die Hintergründe des "deutschen" Erfolgs und formuliert Anregungen für eine selbstbewusstere auswärtige deutsche Kulturpolitik in Dänemark.

Im Anschluss lädt die Kgl. Dänische Botschaft zu einem Glas Wein.

Mi
7.
Feb. 2007

Die neue Fremdenfeindlichkeit in Dänemark

Tom Bryder

Kopenhagen

Dag-Hammarskjöld-Vorlesung

Während der letzten 10 Jahre hat man in Dänemark, wie in manch anderem europäischen Land, innerhalb der Demokratie eine xenophobische Politik gegen Muslime und ethnische Minoritäten beobachten können. Es schockierte viele ausländische Beobachter als die Eurobarometer von 1997 zeigten, dass Dänemark unter den fremdenfeindlichsten Ländern in Europa war. Wie in Belgien fand sich hier außerdem eine sehr verbreitete nationale Selbstzufriedenheit. Nach der Wahl 1998 wurde es der fremdenfeindlichen Partei, Dansk Folkeparti (Dänische Volkspartei) so auch folgerichtig ermöglicht, demokratischen Einfluss auszuüben. Von 2000 bis heute ist dieser Einfluss noch markanter geworden, die politische Koalitionsregierung zwischen den Konservativen und den Liberalen wäre ohne Unterstützung von der fremdenfeindlichen Dansk Folkeparti nicht möglich.

Fremdenfeindlichkeit ist in Dänemark nichts Neues. Es gab sie hier bereits in den sechziger Jahren. Zu dieser Zeit kamen Gastarbeiter nach Dänemark, um die Nachfrage nach Arbeitskräften während einer Hochkonjunktur zu erfüllen. Anders als heute waren es damals die Gewerkschaften und die Linkspolitiker, die fürchteten, dass so die Arbeitsmöglichkeiten abnähmen und man als Däne durch Konkurrenz mit Gastarbeitern aus Griechenland, Italien und Jugoslawien weniger verdiente. Darum unterschied sich die Natur dieser alten fremdenfeindlichen Politik auch von der, die wir heute sehen. Die Fremden kommen heute meistens aus Irak, Bosnien, Afghanistan und Somalia, sie sind meistens Flüchtlinge und Muslime. Oft haben sie zudem weder Ausbildung noch Arbeit.

Man kann heute in Dänemark tatsächlich von einer Angst vor Ausländern sprechen. Sie zeigt sich besonders in Wahlkämpfen und Kulturdebatten. Was schafft diese Angst? Und welche politischen Konsequenzen resultieren aus dem Erfolg der Dänischen Volkspartei? In dem Vortrag wird der Versuch unternommen werden zu erklären, warum Dänemark, ehemals ein "Wohlfahrtsstaat" ohne ethnische Problemen, heute oft seitens der UNHCR, der Europäischen Union und des Instituts gegen Xenophobie und Fremdenfeindlichkeit in Wien in die Kritik gerät.

Professor Dr. Tom Bryder (geboren 1946) ist an der Universität Kopenhagen angestellt. Spezialisiert ist er auf das Gebiet "Politische Psychologie", er forscht im Bereich politisches Verhalten, "Political Marketing" und Propaganda sowie zur Kulturpolitik in der Weimarer Republik.