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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

Henrik-Steffens-Vorlesungen im Wintersemester 2006/07

Vom 1. Oktober 2004 bis zum 30. März 2009 war Herr Prof. Dr. Helge Høibraaten Inhaber der Henrik-Steffens-Gastprofessur. Studentische Mitarbeiterin war Marit Bergner.

 

Di
17.
Okt. 2006

Henrik-Steffens-Gastvorlesungen Wintersemester 2006/2007

Helge Høibraaten

Humboldt-Universität zu Berlin   
 

Das Programm des Semesters wird vorgestellt.

 
Di
24.
Okt. 2006

Norway and National Socialism

Bernt Hagtvet

Universität Oslo
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Bernt Hagtvet ist Professor für politische Wissenschaft an der Universität Oslo. Er hat viele Bücher herausgegeben und geschrieben und ist einer der hervorragendsten Publizisten Norwegens. Gerade hat er den sogenannten norwegischen Humanisten-Preis bekommen. An der vergleichenden Forschung zu Faschismus und Nationalsozialismus hat er sich intensiv beteiligt, nicht zuletzt als Mitherausgeber des Standardwerks "Who were the Faschists?"

 

Mit Hans Fredrik Dahl und Guri Hjeltnes hat er ein Buch über den norwegischen Nationalsozialismus geschrieben. In seinem Vortrag wird er über neuere Forschungsliteratur zu Norwegen und dem Nationalsozialismus berichten, aus den Bereichen Politologie, Soziologie und Geschichte. Er wird auch auf die große Biographie Hans Fredrik Dahls zu Vidkun Quisling eingehen, die sowohl in norwegischer wie in englischer Sprache erschienen ist.

 
Di
2.
Nov. 2006

Neither Hitler nor Quisling: Radical neo-pagan national socialism in Norway 1933–1945.

Terje Emberland, H-L-Senteret

Oslo
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Terje Emberland ist gegenwärtig Forscher am gerade offiziell eröffneten Osloer Zentrum für Holocaust- und Minderheitenforschung. Er hat mit seinem Buch Religion og rase. Nyhedenskap og nazisme i Norge 1933-1945 (2003) das Wissen über norwegisches Neuheidentum in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts stark erweitert, wobei auch Verbindungen zu verwandten deutschen Strömungen (insb. Die deutsche Glaubensbewegung) in den Blick geriet. Mit Bernt Roughtvedt schrieb er auch eine viel beachtete Biografie über den Verfasser, Abenteurer und Nationalsozialisten Per Imerslund (Det ariske Idol,2004), und außerdem verfasste er das Kapitel über Antisemitismus in Norwegen 1900-1940 im 2004 erschienenen norwegischen Standardwerk Jødehat (Hrsg. Berg Eriksen, Harket, Lorenz, mit Beiträgen auch von der NI-Mitarbeiterin Izabela Dahl).

 
Di
7.
Nov. 2006

'Den hvite dame' - fra Karen Blixens tekst til Vibeke Tandbergs digitale fotografi

Kristin Ørjasæter

Aarhus universitet
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Kristin Ørjasæter er for tiden lektor i norsk ved Aarhus universitet, og har også undervist ved Universitetet i Oslo. Hun hennes doktoravhandling hadde tittelen Selviakttakelsens poetikk. En litterær analyse av Camilla Wergelands dagbok fra 1830-årene (2002.) . I 2003 utga hun Camilla Norges første feminist. Hun har også forsket på Henrik Ibsen, og ga nettopp ut antologien Selvskreven om litterær selvfremstilling.Ørjasæters foredrag handler om den kjente norske (og Berlin-baserte) fotokunstneren Vibeke Tandbergs bilder fra Afrika (Aftermath), og hvordan disse bildene aktualiserer Karen Blixens berømte bok Den afrikanske farm. Ørjasæter vil søke å vise at Tandbergs verk åpner for en diskusjon av hvordan den foreldede koloniale hodlningen til Afrikan får fornyet betydning innenfor postkolonialismen. Hun vil også diskutere hvordan det digitale fotografiet åpner for en etisk refleksjon som også er politisk.

 
Di
14.
Nov. 2006

Der politische Ibsen

Bernd Henningsen

Bernd Henningsen ist Professor und Institutsdirektor am Nordeuropa-Institut.
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"Im Jahr 2006 feierten wir nicht nur den 150. Geburtstag Sigmund Freuds sondern auch den 100. Todestag des norwegischen Dichters Henrik Ibsen, der wie einer seiner Helden – Peer Gynt – der soziokulturellen Enge seiner Heimat entfloh und 27 Jahre seines Lebens im Ausland verbrachte, in Deutschland und Italien, der aber gleichwohl ohne seinen norwegischen Hintergrund nicht interpretierbar ist. Er ist sicherlich der Dramatiker, der uns am deutlichsten vor Freud die prägende Bedeutung von "Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten" vorgeführt hat. Wer hat eindrücklicher die Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart analysiert als Ibsen? Mit anderen Worten: Wer war politischer als Henrik Ibsen? In diesem Sinne ist er ein paradigmatischer Homo Politicus Scandinavicus: seine Gesellschaftsdramen, seine Briefe, seine Reden zeigen ihn als einen Zeitgenossen, der vor allem eines besaß: Common Sense im angelsächsischen, also im politischen Sinne. Ihn in diesen Zusammenhang zu setzen, ist Absicht des Vortrags." linie

 
Di
21.
Nov. 2006

Hjemmefronten og jødeforfølgelsene i Norge. Hvorfor jeg skrev 'Kathe, alltid vært i Norge' og hvilke vanskeligheter utarbeidelsen av boka bød'.

Espen Søbye

Statistisk Sentralbyrå Oslo
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Espen Søbye ist zur Zeit Norwegens vielleicht bekanntester Kritiker für Sachliteratur. Er bekam 2006 den Preis "Kritiker des Jahres", u. a. für Beiträge, die im Band Ord for ord, artikler 1986-2004 stehen. Er hat auch Biographien geschrieben, u. a. eine viel beachtete über den Verfasser, Finanzspekulanten, Kunstsammler und Munch-Biographen Rolf Stenersen. 2001 kam sein Buch Kathe, alltid vært i Norge heraus, über das kurze Leben eines jüdischen Mädchens, das in Auschwitz umkam. Es ist ein nüchternes, genaues, akribisch erforschtes Buch, das mit dem Problem zu kämpfen hatte, das man die Familie Lasnik nicht nur zu töten, sondern auch für die Erinnerung zu vernichten suchte. Das Buch stellt einen wichtigen Beitrag zu der neueren norwegischen Tendenz dar, selbstkritischer mit der Kriegszeit umzugehen.

 
Di
5.
Dez. 2006

Mykle-saken. Den største kulturkampen i det tyvende århundres Norge.

Jan-Erik Ebbestad Hansen

Universität Oslo
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Jan-Erik Ebbestad Hansen ist Professor für Ideengeschichte an der Universität Oslo. Er hat sich viel mit Mystik beschäftigt, nicht zuletzt mit deutscher Mystik, und u. a, auch ein Buch über Jung geschrieben. Er ist Herausgeber des dreibändigen, z. T. vieldiskutierten Sammelwerkes Norsk tro og tanke 1940–2000. – Agnar Mykle war einer der berühmtesten Verfasser Norwegens im 20. Jahrhundert (Lasso rundt fru Luna, 1954 Sangen om den røde rubin, 1956.) Er war, was erotische Schilderungen angeht, seiner Zeit voraus, und 1957 wurde ihm ein spektakulärer Prozess gemacht, der wahrscheinlich dazu beitrug, dass der Verfasser sich zusehends isolierte und nur noch sehr wenig herausgab. An diesem Prozess schieden sich die Geister, es entstand ein großer Kulturstreit, der, wie Ebbestad Hansen durch eingehende Forschungen zu verdeutlichen versucht, noch den norwegischen Streit um die Hölle übertraf.

 
Di
12.
Dez. 2006

Die langen Schatten der Besatzungszeit. Stationen und Probleme der Vergangenheitsbewältigung in Norwegen.

Susanne Maerz

Universität Freiburg
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Eine Nation im Widerstand – als solche hat sich Norwegen lange Zeit gesehen, wenn es um das Verhalten während der Zeit der deutschen Besatzung zwischen 1940 und 1945 ging. Die Mitglieder der kollaborierenden "Nasjonal Samling" wurden dafür aus der nationalen Gemeinschaft herausdefiniert. Diese vorgestellten Spaltung der Nation wird in öffentlichen Debatten über verschiedene Aspekte der Besatzungszeit immer wieder neu verhandelt. Wie dies geschieht und wie sich dabei das nationale Selbstbild ändert, soll anhand der größten öffentlichen Debatten zwischen 1965 bis 2005 dargestellt werden. Dabei lässt sich für die 60er Jahre ein Bedürfnis nach einem einheitlichen Geschichtsbild feststellen, zu dessen Gunsten Differenz überdeckt wird. Während dieses starre Bild in den 70er Jahren erste Risse enthält, werden ihm in den 80er Jahren bislang vernachlässigte Geschichten hinzugefügt. Zudem wird die wissenschaftliche Fokussierung auf den Widerstand zum ersten Mal sowohl thematisiert als auch problematisiert. In den 90er Jahren wird das heroische Widerstandsbild zum einen verteidigt, zum anderen ist ein Bewusstsein der moralischen Verantwortung gegenüber verschiedenen Opfergruppen festzustellen, das mit der Thematisierung traumatischer Kapitel der Besatzungs- und Nachkriegszeit einhergeht.

Susanne Maerz (1974) hat in Freiburg und Bergen Geschichte, Germanistik und Skandinavistik studiert und promoviert am Institut für Skandinavistik der Universität Freiburg. Thema der Doktorarbeit ist die öffentliche Auseinandersetzung mit der Besatzungszeit in Norwegen von 1965 bis 2005.

 
Di
9.
Jan. 2007

Die kulturelle Konstruktion des Juden in Norwegen. Aspekte des norwegischen Antisemitismus.

Einhart Lorenz

Universität Oslo
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Einhart Lorenz ist Professor für Geschichte an der Universität Oslo, und war der erste Henrik-Steffens-Professor des Nordeuropa-Institutes. Er hat Bücher über Willy Brandt geschrieben und über Deutsche im skandinavischen Exil, außerdem u. a. über die norwegische kommunistische Partei und über Veien mot Holocaust, 2003. Er ist Mitverfasser und -Herausgeber des norwegischen Standardwerkes Jødehat. Antismittismens historie fra antikken til i dag (2004.) Das norwegische Grundgesetz von 1814 verbot Juden den Aufenthalt im Lande. Als der "Judenparagraf" 1851 aufgehoben wurde, sprachen dessen Befürworter von einer "Judeninvasion", die nun über Norwegen hereinbrechen würde. Ähnliche Schreckenszenarien wurden nach dem ersten Weltkrieg und nach 1933 verbreitet. Welche Bilder vom "Juden" existierten in einem Lande, in dem es weniger als 2000 Juden gab? Wer schuf sie, wer verbreitete sie? Diesen Fragen soll das Forschungsvorhaben "Der Jude als kulturelle Konstruktion in der norwegischen Öffentlichkeit 1814-1940“" nachgehen, das in dem Vortrag vorgestellt wird.

 
Di
16.
Jan. 2007

The Marked and the Unmarked: National Flags in the Scandinavian Countries.

Thomas Hylland Eriksen

Universität Oslo/Vrije Universität Amsterdam
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Thomas Hylland Eriksen ist Professor für Sozialanthropologie an der Universität Oslo und der Vrije Universität Amsterdam, und leitet ein Forschungsprogramm über kulturelle Komplexität im neuen Norwegen. In jungen Jahren hat er schon eine große Anzahl Bücher geschrieben, wovon einige auf English und einige in vielen Sprachen übersetzt sind, nicht zuletzt ein Buch über die Zeit (auf deutsch erschienen unter: Immer schneller, immer mehr, Herder 2003). Er ist der aktivste Publizist des Landes und hat sich insbesondere mit Fragen der Einwanderung und der multikulturellen Gesellschaft beschäftigt. Er leitet ein Forschungsprogramm über kulturelle Komplexität im neuen Norwegen. Einige neuere Publikationen: What is Anthropology? (erw. Ausg. 2004), Røtter og føtter (2004), Engaging Anthropology (2005).

 

Sein Vortrag beschäftigt sich mit der Frage, wie die Flagge vornehmlich in den drei skandinavischen Ländern verwendet wird und was dies verrät: in Norwegen ziemlich begeistert und sakral, in Schweden mehr subtil, versteckt und ironisch, in Dänemark mehr kommerziell.

 
Di
23.
Jan. 2007

Jostein Gaarder - ein antisemitisch Entgleister?

Helge Høibraaten

Humboldt-Universität zu Berlin

Helge Høibraaten wird eine Analyse des Textes von Jostein Gaarder zum Krieg zwischen Israel und dem Libanon geben. Dieser Text war vor allem durch starke Kritik bekannt geworden, da auf dessen Grundlage Gaarder antisemitische Entgleisungen vorgeworfen wurden. Helge Høibraaten hatte sich ebenfalls stark in die Kontroverse eingemischt und möchte nun einen zweiten, genaueren Blick auf den Text werfen. Der Aufsatz von Gaarders in norwegischer Sprache und in deutscher Übersetzung findet sich unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Jostein_Gaarder Der Aufsatz von Helge Høibraten findet sich unter: http://www.aftenposten.no/meninger/debatt/article1413447.ece

 
Do
1.
Feb. 2007

Der Fall Hamsuns aus der Sicht Thomas Manns

Walter Baumgartner

Universität Greifswald
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"Der Fall Hamsun": das ist der Fall eines der größten Romanciers des zwanzigsten Jahrhunderts, der sich eindeutig für den Nationalsozialismus einsetzte und am 7. Mai 1945, einem Tag vor der Kapitulation Deutschlands, einen überschwänglichen Nachruf auf Adolf Hitler publizierte. Thomas Mann, der durch Hamsun tief beeinflußt war und einmal schrieb, der Nobelpreis für Literatur habe nie einem Würdigeren verliehen werden können, entwickelte sich nach seinem literarischen Kriegseinsatz für Deutschland im ersten Weltkrieg zum Republikaner und Demokraten, und zum wichtigsten Gegner des Nationalsozialismus im Exil. Walter Baumgartner ist Professor für neuere skandinavische Literaturen an der Universität Greifswald, und hat unter anderem die Monographie zu Hamsun in der Serie des Rowohlt Verlages geschrieben.

 
Di
6.
Feb. 2007

Nasjonalsosialismen og velferdstaten

Øystein Sørensen

Universität Oslo
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Øystein Sørensen ist Professor für Geschichte der Universität Oslo. Er gehört zu den wichtigsten Forschern Norwegens zum Thema Nationalsozialismus. Er hat sich unter anderem mit vergleichenden Analysen zum sozialpolitischen Denken in der Epoche des Faschismus, aber auch der Sozialdemokratie und des New Deal, befaßt (vgl. Die Bücher Solkors og solidaritet. Høyreautoritær samfunnstenkning i Norge ca. 1930-1945, und Verdenskrig og velferd : britiske, tyske og norske sosialpolitiske planer under annen verdenskrig.) Er wird in seinem Vortrag auch auf Götz Alys Buch Hitlers Volksstaat (2005) und die große Debatte um dieses Buch (vgl. Alys Nachwort zur Ausgabe 2006) eingehen.

Di
13.
Feb. 2007

Knut Hamsun - der größte Dichter des Dritten Reiches?

Helge Høibraaten

Humboldt-Universität zu Berlin

Der Vortrag wird sich zum Teil mit Beispielen aus Hamsuns Romanen beschäftigen. Er wird sie aber im Rahmen der folgenden Überlegung stellen: Knut Hamsuns Hunger und Mysterien waren vielleicht die ersten Romane des modernism überhaupt, und als er den Nobelpreis für Segen der Erde (Markens Grøde) bekam, hielt ihn Thomas Mann für den würdigsten Literaturpreisträger überhaupt. Nach seinem entschiedenen Einsatz für Deutschland während des dritten Reiches und der Besatzung Norwegens, wurde er eine Zeitlang gehasst und wohl kaum gelesen in Norwegen. Seit den fünfziger Jahren wurde das aber wieder anders, und da die Deutschen und die Russen ihn nicht mehr so viel lesen, ist er jetzt wohl ein vor allem in Skandinavien gelesener Autor. Als Norweger betrachtete er sich stets, und die deutsche Sprache beherrschte er nicht. Ist er aber ein nationalsozialistischer Dichter gewesen? Die Frage ist falsch gestellt: Hamsun war politisch gesehen ein Anhänger des Nationalsozialismus und er war ein großer Dichter, und diese beiden Tatsachen haben mit einander zu tun, aber seine Dichtung war nicht spezifisch nationalsozialistisch.

Wie so viele, war er auch ein Produkt des geistigen Klimas um die Jahrhundertwende, er stand unter dem Einfluss von Schopenhauer, Nietzsche, Dostojewskij und Huysmans. Er war vitalistisch, zunehmend zynisch und sein Leben lang ein Feind des Westens. „Irrationalist“ wäre keine ganz schiefe Bezeichnung. Rassistische Züge gab es bei ihm auch.

Seine Werke sind aber nicht als nationalsozialistische Werke zu deuten, auch nicht im Sinne eines Privat-Nationalsozialismus, den man aus den Werken von Theoretikern wie Martin Heidegger und Carl Schmitt herausgelesen hat. Für solche gedankliche Konstruktionen hat er sich in seiner Dichtung nicht eingesetzt und hatte auch nicht das denkerische Niveau. Auch „Segen der Erde“, der im Erscheinungsjahr 1918 als einen Friedensroman gepriesen wurde, eignet sich für eine solche Bezeichnung nicht, wenn auch der Roman in der Retrospektive zum Teil gut zur Schablone „Blut und Boden“ passt.

„Segen der Erde“ ist aber kein Zweigroschen-Roman der eindeutigen Tendenz, sondern ein komplexes, ambivalentes, schwieriges und doch gesammeltes, großes Werk – konservativ sicherlich, utopisch auch, aber mitnichten kein Nazi-Roman. Nun kann man behaupten, die Bezeichnung Nationalsozialismus sei zu eng gefasst für die Problematik, die hier verhandelt wird, und dass die Dichtung Knut Hamsuns, wenn nicht als nationalsozialistisch, so doch als faschistisch bezeichnet werden könne. Da es sich mit diesem Vorschlag nicht darum handelt, das Verhältnis der Dichtung Hamsuns zum faschistischen Italien zu charakterisieren, sondern Hamsun unter einem allgemeinen Oberbegriff zu subsumieren, müsste man in diesem Fall den Allgemeinbegriff oder den Ideal-Typus spezifizieren. Das ist eine interessante, aber gefährliche Aufgabe, die leicht weg vom Diskussionsgegenstand führen kann.

Thomas Mann zum Beispiel, war in seiner Jugend nicht nur von Nietzsche und Schopenhauer und Wagner beeinflusst – das blieb er sein Leben lang – er war auch gegen die Demokratie als deutsche Staatsform, er zog die innere Unendlichkeit einer unpolitischen aber „machtgeschützten Innerlichkeit“ als höhere Freiheit der demokratischen vor. Dass sich eine solche innere Kultur im Augenblick des Krieges dämonisch, von autoritären Führern politisch geleitet, auch nach außen wenden kann, drückte er im November 1914 (im Aufsatz „Gedanken im Kriege“) emphatisch wie folgt aus: „Kultur ist offenbar nicht das Gegenteil von Barbarei; sie ist vielmehr oft genug eine stilvolle Wildheit, und zivilisiert waren von allen Völkern des Altertums vielleicht nur die Chinesen. Kultur ist Geschlossenheit, Stil, Form, Haltung, Geschmack, ist irgendeine gewisse geistige Organisation der Welt, und sei das alles noch so abenteuerlich, skurril, wild, blutig und furchtbar. Kultur kann Orakel, Magie, Päderastie, Vitzliputzli, Menschenopfer, orgiastische Kultformen, Inquisition, Autodafés, Veitstanz, Hexenprozesse, Blüte des Giftmordes und die buntesten Greuel umfassen.“

Das schrieb Mann, und da ist es nicht sehr gewagt, Faschismus einzubeziehen. Das Einzige, was eine gewisse Distanz erlauben würde, ist die geistesaristokratische Nennung von „Geschmack“; der Geschmack aber kann variieren und muss sich nicht notwendigerweise explizieren. Die Bezeichnung „Faschismus“ gab es 1914 noch nicht. Sicher ist aber, nirgends findet sich beim jungen Hamsun einen Satz, der das geistige Klima des „anything goes, so lange es geschlossen geschieht“ so formvollendet ausdrückt wie dieser Satz von Thomas Mann.

Entwickelte sich Thomas Mann vom Faschisten zum Demokraten? Er entwickelte sich vom Autor dieses Satzes tatsächlich zum Demokraten, wie Walter Baumgartner 1.2.07 in einer Henrik Steffens-Vorlesung zeigte. Außerdem tat er in seinen literarischen Werken keine solche wilde Haltung kund. Wenn man will, kann man das Klima, das im Mann-Zitat zum Ausdruck kommt, als „präfaschistisch“ bezeichnen. Dichter, die in ihren Werken solche Haltungen vertraten oder verrieten und sie sodann nicht verließen – was für Hamsun wohl galt – könnte man dann für die Zeit nach dem ersten Weltkrieg in einigen Fällen als „Faschisten“ bezeichnen.

Eine wichtige Frage, die man sich in diesem Kontext stellen sollte, ist aber: War nicht Knut Hamsun, der Norweger, jedenfalls der größte Dichter des dritten Reiches? Sollten nicht zuletzt die Norweger das begreifen? Wer denn sonst hatte diese Rolle ein? Ernst Jünger und Gottfried Benn waren große Dichter, aber sie standen dem Regime viel distanzierter gegenüber. Sie hatten auch nicht die Breitenwirkung von Hamsun, jedenfalls nicht Benn. Céline war sicherlich auch ein großer Dichter, aber mit Hamsuns Rolle während des dritten Reiches lässt sich die seinige nicht vergleichen.

Ist es überhaupt eine wichtige Frage, wer der größte Verfasser des dritten Reiches war – ein menschenfeindliches, in wichtigem Sinn auch kunstfeindliches, vor allem totalitäres Regime ? Ich denke ja. Die Frage zu verneinen, wenn der Dichter groß war und das Hauptvolk des Reiches doch das Regime im großen und ganzen als legitim betrachtet und den Dichter wirklich geliebt hat, wäre arrogant. Dafür, dass er diese Rolle angenommen hat, nicht für nationalsozialistische Bücher, hat Knut Hamsun die politische Verantwortung – nicht nur für sein politisches Engagement im engeren Sinne, das natürlich eng mit dieser Position quasi als Staatsdichter verbunden war.