Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

Adeline Rittershaus


Verfemte feministische Forschung - Kann eine Frau in Deutschland Privatdozentin werden?

In Verbindung mit der Übung Verfemte feministische Forschung Sichtbarmachen

Laufzeit: SoSe 2022

Zusammenfassung

Die hier präsentierten Informationen zur Skandinavistin PD Dr. Adeline Rittershaus wurden im Sommersemester 2022 durch Studierende des Nordeuropa-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin in zwei von Prof. Dr. Lukas Rösli unterrichteten Kursen zusammengetragen und aufbereitet.

Seminar & Übung

Im Vertiefungskurs/Seminar „Verfemte feministische Forschung – Kann eine Frau in Deutschland Privatdozentin werden?“ gingen die Studierenden der Frage nach, wie zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs Forscherinnen und ihre Forschung diskursiviert und darüber aktiv aus dem universitären Lehrbetrieb ausgegrenzt wurden. Diese Thematik wurde beispielhaft anhand der Forschungs- und Publikationstätigkeit sowie anhand des Lebens von Adeline Rittershaus kollaborativ erarbeitet. Trotz der unkonventionellen Biographie Rittershaus‘ – Abitur mit 27 Jahren auf dem zweiten Bildungsweg, frühe Islandreisende, zweifach geschiedene, alleinerziehende Mutter und Leiterin einer Pension – gingen die Studierenden dabei nicht biographistisch vor. Vielmehr wurde die Biographie Rittershaus‘ als sozio-historischer Rahmen genutzt, um die Diskursivierung ihrer Forschungsarbeiten, ihrer Lehre und ihrer publizistischen Tätigkeit und den damit verbundenen Widrigkeiten innerhalb des akademischen Arbeitsumfeldes zu analysieren. Die Erkenntnisse aus dem Kurs wurden von den Studierenden am 13.07.2022 an einem Studierendensymposium zu Adeline Rittershaus der interessierten Öffentlichkeit präsentiert.

Bei der Übung „Verfemte feministische Forschung sichtbar machen“, die von der Sprach- und literaturwissenschaftlichen Fakultät mit dem Fakultätspreis für gute Lehre 2021/22 ausgezeichnet wurde, war das Ziel, kollaborativ und auf experimentelle Weise Formen des akademischen und öffentlichen Sichtbarmachens zu eruieren, auszutesten, anzuwenden und deren Erfolg oder Misserfolg zu diskutieren. Die Studierenden ließen sich dabei von folgenden Fragen leiten: Wie bilden wir eine Differenz zwischen dem nicht (mehr) Bekannten und der (erneuten) Schichtbarwerdung von Forschungsfragen und Forschungsresultaten? Welche medialen Mittel stehen uns heute zur Verfügung, um einen anderen Anfang zu setzen, der den Rahmen bilden kann, um dem historischen Prozesse eines Diskursausschlusses entgegenwirkend oder gar umkehrend zu begegnen? Inwiefern ist unsere Wahl eines Untersuchungsgegenstandes und der damit einhergehenden Literatur eine politische Entscheidung? Wie kann die Sichtbarmachung früher proto-feministischer Forschung zur akademischen Kanonbildung in der skandinavistischen Mediävistik beitragen?
Nebst dem hier erstellten Zeitstrahl wurde im Rahmen der Übung auch der Informationsgehalt der mit Adeline Rittershaus‘ Namen verknüpften Wikipedia-Seite deutlich erweitert und die Verknüpfung zu weiteren Einträgen erstellt, die zum Teil speziell dafür angelegt und geschrieben wurden.

Alle hier veröffentlichten Informationen dürfen unter Einhaltung der CC-Standards (CC-BY-NC) verwendet werden.

 
Leben und Laufbahn von PD Dr. phil. Adeline Rittershaus
 
  • 29. Juli 1867
    Adeline Rittershaus wird geboren

    Adeline Rittershaus wird in Barmen als Kind von Emil und Hedwig Rittershaus geboren. Sie ist die jüngste von sieben Geschwistern.

  • 1892
    Adeline beginnt mit ihrer vorbereitung aufs Studium

    Nach einem alten Versprechen mit ihren Eltern darf Adeline endlich mit der Vorbereitung für ein Studium beginnen.

    Ich bekam von den besten Lehrern des Barmer Realgymnasiums Privatunterricht, und um zu zeigen, daß ich ein Recht auf das Studium hatte, setzte ich durch eisernen Fleiß — allerdings bei 12—14 Stunden Täglicher Arbeit – durch, daß ich schon 1 ½ Jahr später das Ziel eines Realgymnasiums erreicht hatte und in Zürich nur mit den Zensuren „gut“ und „sehr gut“ mein Maturitätsexamen ablegen konnte.

  • April 1894
    Immatrikulation Zürich

    Adeline Rittershaus immatrikuliert sich in Germanistik und Sanskrit an der Universität Zürich und beginnt nebenbei noch Privatunterricht in Latein und Griechisch zu nehmen. Sie lernt unter anderem beim Philologen Albert Bachmann.

  • Herbst 1894
    Bewerbung im Großherzogtum Baden

    Adeline Rittershaus versucht sich in Freiburg im Breisgau zu immatrikulieren und erhält vom Rektor nach einen Fakultätsbeschluss die Erlaubnis, dort zu studieren.

  • Weihnachten 1894
    Außeinandersetzung mit dem badischen Ministerium

    Adeline Rittershaus wendet sich persönlich an das Ministerium in Karlsruhe mit der Bitte, ihre schweizerische Matura im Großherzogtum Baden anzuerkennen. Etwas, das bei Männern üblicherweise getan wurde.

    Der betreffende Herr antwortete mir, daß in Baden  bei den Herren die Schweizer Matura anerkannt würde, er wisse jedoch nicht, wie man sich Damen gegenüber verhalte. Kann eine Rittershaus, A.: Frau in Deutschland Privatdozentin werden? Teil 1; Frauencorrespondenz Nr 39; 111.02.1902;

  • März 1895
    Antwort aus Karlsruhe

    Adeline Rittershaus erhält eine Antwort aus Karlsruhe. Man wolle ihr die Matura nicht anerkennen, aber sie dürfe die Examen in voller Länge in Baden wiederholen. Sie entscheidet sich, in Zürich zu bleiben.

  • 1897

    Maturitätsexamen Griechisch

  • Juni 1898
    Dissertertion und Promotion

    Adeline Rittershaus promoviert magna cum laude mit ihrer Dissertation Die Ausdrücke für Gesichtsempfindungen in den Altgermanischen Dialekten.

    Da sie ihre weitere Karriere an der Universität ausüben möchte, rät ihr Prof. Bachmann zur Suche nach einem Spezialgebiet. Die Bedürfnisfrage für die Universität muss geklärt werden, damit sie eine Chance auf eine Anstellung bekommt. Prof. Bachmann empfiehlt ihr die Forschung an der isländischen Sprache und Literatur.

    Die Ausdrücke für Gesichtsempfindungen in den altgermanischen Dialekten. Ein Beitrag zur Bedeutungsgeschichte. Zürich 1899.

    Rezensionen

    Rezension von Ottmar Dittrich. 1906.

     

    Klappentext (von Christina Neyka). 2022.

    Zitate & Kommentare von Projektteilnehmer*innen. 2022.

  • Juli 1898

     Adeline Rittershaus verbringt einige Wochen in Kopenhagen, um sich auf ihre Forschungsreise nach Island vorzubereiten

  • August 1898

     Adeline Rittershaus weilt auf den Färöern zum Studium der Sprache, Literatur und Kultur

  • September/Oktober 1898
    Erster Aufenthalt in Island

    Adeline Rittershaus verbringt zwei Monate auf Island. Nach einigen Ausflügen ins Landesinnere und einer Besteigung der Hekla beginnt sie ihre Arbeit in Reykjavík. Vor ihrer Abreise verlobt sie sich mit Þorleifur Bjarnarson.

  • 1899
    Zweiter Aufenthalt in Island und Vorträge in Deutschland und der Schweiz

    Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, hält Adeline Rittershaus in Deutschland und der Schweiz öffentliche Vorträge. Daneben widmet sie sich dem Studium der alt- und neuisländischen Sprache und Literatur. Sie kehrt nach Island zurück und heiratet dort Þorleifur Bjarnason.

  • Januar 1900
    Beginn des Habilitationsprozesses in Bonn

    Im Auftrag von Adeline Rittershaus probiert ein namentlich nicht bekannter Bonner Professor, ihre Habilitation an der dortigen Universität zu erwirken. Der Professor wird vom Rektor an den Kurator verwiesen, welcher erst eine Entscheidung des preußischen Kultusministeriums haben will.

  • Februar 1900

     Adeline Rittershaus besucht das Kultusministerium in Berlin und reicht dort ihr Habilitationsgesuch ein

  • September 1900
    Antwort des preußischen Kultusministeriums

    Adeline Rittershaus, welche sich seit 5 Monaten auf Island aufhält und für ihre Habilitationsschrift Die Neuisländischen Volksmärchen" recherchiert, erhält dort endlich eine Antwort vom preußischen Ministerium. Es heißt, man könne über diese Frage nicht entscheiden, aber es stehe ihr frei, sich an einer philosophischen Fakultät zu bewerben.

  • Oktober 1900
    Rückkehr nach Zürich und Bewerbung in Bonn

    Adeline Rittershaus kehrt nach Zürich zurück. Sie bewirbt sich mit ihrer Habilitation beim Dekan der philosophischen Fakultät in Bonn, wird aber prompt wieder an den Kurator verwiesen. Nachdem sie dessen Erlaubnis erhält, bittet sie den Dekan, wenigstens die allgemeine Frage für die Zulassung von Frauen an der Fakultät zu klären.

  • 09. Februar 1901

     Adeline Rittershaus’ Tochter Ingibjörg wird geboren

  • Juni 1901
    Fertigstellung ihrer Habilitationsschrift "Die Neuisländischen Volksmärchen"

    Adeline Rittershaus beendet ihre Habilitationsschrift Die Neuisländischen Volksmärchenund schickt alle nötigen Unterlagen und Empfehlungsbriefe aus Zürich nach Bonn. Ihre wissenschaftlichen Qualifikationen werden nicht geprüft, stattdessen wird darüber abgestimmt, ob die Fakultätsmitglieder überhaupt mit Frauen zusammenarbeiten wollen. Diese Frage wird mit vierzehn zu sechzehn Stimmen verneint. Wenige Wochen später teilt der Dekan Rittershaus privat mit, dass sie abgelehnt sei. Sie bittet um eine offizielle Ablehnung mit Angabe des Grundes, sowie die Rückgabe ihrer Papiere.

  • Juli 1901
    Offizielle Ablehnung aus Bonn

    Nach mehrmaligen Nachfragen erhält Adeline Rittershaus endlich ihre Papiere und eine Ablehnung, "selbstverständlich ohne Angabe des Grundes" Rittershaus, A.: Kann eine Frau in Deutschland Privatdozentin werden?; Frauencorrespondenz Nr 40; 14.02.1902.

  • Dezember 1901
    Zusage aus Zürich

    Adeline Rittershaus erhält die Zusage des Dekans der phil. Fakultät in Zürich, dass ihre Habilitationsschrift angenommen sei. 

    Protokoll des Erziehungsrates. 1902.

  • Januar 1902
    Adeline Rittershaus hält ihren Probevortrag und Antrittsvorlesung
    Am 11. Januar hält Adeline Rittershaus ihren Probevortrag "Wo sind die Eddalieder entstanden?". Ende Januar hält sie ihre Antrittsvorlesung "Die erste Entdeckung Amerikas ums Jahr 1000 nach den isländischen Berichten". Die Vorlesung ist so gut besucht, dass manche Besucher von außerhalb des Hörsaals zuhören müssen und erregt auch die Aufmerksamkeit deutscher Tagesblätter.

    Das Debüt einer Privatdozentin. In Allgemeine Zeitung. München 06.05.1902.
    Frau Adeline Rittershaus-Bjarnason. In Der Tag. Berlin 15.05.1902.
  • Februar 1902
    Veröffentlichung von Frauencorrespondenz und Volksmärchen

    Die neuisländischen Volksmärchen. Ein Beitrag zur vergleichenden Märchenforschung. Halle (Saale) 1902.

     

    Rezensionen

    Rezension von Johannes Bolte. 1904.

    Rezension von Adolf Strack. 1906.

     

    Klappentext (von Christina Neyka). 2022.

    Zitate & Kommentare von Projektteilnehmer*innen. 2022.

     

    Kann eine Frau in Deutschland Privatdozentin werden?

    Teil 1. Frauencorrespondenz Nr 39. 11.02.1902.

    Teil 2. Frauencorrespondenz Nr 40. 14.02.1902.

  • 1904

     Heirat mit Theodor Oberländer; sie trennten sich 1916 und ließen sich 1919 scheiden

  • 1917
    Altnordische Frauen erscheint
  • 21. Mai 1920
    Bitte um Entlassung von der Universität Zürich

    Nach 18 Jahren an der Universität Zürich bittet Adeline Rittershaus wohl aufgrund schwerer Krankheit um Entlassung aus dem Lehrkörper.

    Entlassungsgesuch. 1920

  • 06. September 1924
    Adeline Rittershaus verstirbt an einen Herzinfakt in Berlin im beisammensein ihrer Tochter

    Nekrolog. In Zentralblatt des Schweizerischer Gemeinnütziger Frauenvereins. Bern 20.08.1924.

 
Textarchiv
 
Die Ausdrücke für Gesichtsempfindungen in den altgermanischen Dialekten
Ziele, Wege und Leistungen unserer Mädchenschulen und Vorschlag einer Reformschule
Die Neuisländischen Volksmärchen
Kann eine Frau in Deutschland Privatdozentin werden?

Teil 1. Frauencorrespondenz Nr 39. 11.02.1902.

Teil 2. Frauencorrespondenz Nr 40. 14.02.1902.

Altnordische Frauen
Artikel von Adeline Rittershaus

Die Stiefel mit den Totenbeinen. Zusammen mit Alfred Tobler. 1901.

Der Küster von Mýrka. 1907.

Artikel über Adeline Rittershaus

Das Debüt einer Privatdozentin. In Allgemeine Zeitung. München 06.05.1902.

Frau Adeline Rittershaus-Bjarnason. In Der Tag. Berlin 15.05.1902.

Nekrolog. In Zentralblatt des Schweizerischer Gemeinnütziger Frauenvereins. Bern 20.09.1924.

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