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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

Bernd Henningsen: Die schwedische Konstruktion einer nordischen Identität durch Olof Rudbeck

Ich halte mich lieber an die wahren Träumer als an die unwahren Schreiber ...1

"Die Vereinigten Nordischen Republiken" - das ist ein schöner Gedanke. Aber es gibt keine drei Nationen,die feindlicher zueinander stehen, als die nordischen, gerade weil sie miteinander verwandt sind. Der Haß zwischen ihnen ist panisch.2

Viele Mütter und Väter haben zur Konstruktion der politischen Identität Skandinaviens beigetragen. Einer der bedeutendsten von ihnen war Olof Rudbeck (1630-1702) mit seiner barocken Neuinterpretation der Schöpfungsgeschichte, mit der er die zivilisatorische Überlegenheit des Nordens im allgemeinen und Schwedens im besonderen zu belegen versuchte: Indem er das gesamte zivilisatorische Wissensrepertoire seiner Zeit auf den Norden projizierte, indem er die Ursprünge von Mythen und Sagen nach Schweden verlegte, fügte er wesentliche Bausteine eines "Nordismus" zusammen, der - in der schwedischen Großmachtzeit politisch-militärisch verstärkt - als nordisches Gemeinschaftskonstrukt spätestens im 19. Jahrhundert seine schwedische Spezifität verlor und gemeinskandinavisch wurde: Der politisch gescheiterte Prozeß des nordischen nation-building überlebte auf ideologischem Niveau.

Das Problem: die ideologische Kontinuität

Klaus von See hat Germanisten und Skandinavisten mit einem ganz wesentlichen Moment der Konstruktionsgeschichte der deutschen nationalen Identität konfrontiert, die - verkürzt - als Konstruktion einer wirkmächtigen Germanen-Ideologie aus dem Stoff der nordischen Mythologie und Überlieferung auftritt.3 Meine Frage ist die nach Genese und Konstruktion einer Vorstellung vom Norden im Norden, d.h. also einer Vorstellung von den politisch-kulturellen Eigenheiten des Nordens, die in historischer Perspektive zur Grundlage einer nordisch-skandinavischen Identität mit Auswirkungen bis in die Gegenwart wird. Um diese Konstruktion von der im 19. Jahrhundert aufkommenden politisch-literarischen Bewegung des "Skandinavismus" zu unterscheiden, nenne ich sie: "Nordismus".4 Stellt Klaus von See die Außenfrage - die nordischen Grundlagen der deutschen Germanen-Ideologie -, so geht es mir um die Binnenperspektive: Welches sind die politischen und geistigen Grundlagen einer im Norden Europas verbreiteten Überzeugung von einer spezifischen, nur dort identifizierbaren, regionalen Identität? Welches sind die treibenden geistigen Impulse, die den Nordismus zu einer der lebendigsten politischen Sinnkonstruktionen - als "fundierende Erzählung" im Assmannschen Sinne5 - für die (verhinderte) Staatsbildung im Norden gemacht haben, die die politisch-regionale Integration und die übernationale Kooperation seit dem Ende des 2. Weltkrieges vorangebracht (aber auch wietergehende verhindert) haben?

Ich gehe mit meiner Exegese von Olof Rudbecks Atlantis zurück auf ein Beispiel des späten schwedischen 17. Jahrhunderts, das in der Literatur bisher kaum als sozialdominantes Identitätskonstrukt gelesen wurde, vielmehr als machtpolitisches Autostereotyp gilt. Rudbecks Unternehmen offenbart sich gleichwohl als nordische Sinnkonstruktion, welche sich sogar noch durch die Jahrhunderte verstärkt: Die mittelalterliche, Macht und Ansehen legitimierende Identitätskonstruktion auf der Basis von Anciennietätsansprüchen (Ragvaldi) wird hier zu einer chauvinistischen, im Gewande der Wissenschaft daherkommenden Ideologie im Zusammenhang mit der europäischen Herrschaftsausweitung Schwedens - was nicht unbekannt und nicht neu ist. Aus dem politischen Anciennitätsanspruch, der den Anspruch auf eine hervorragende Position in der europäischen Machthierarchie begründet, entsteht in dieser Konstruktionsgeschichte eine differenzierte Vorstellung vom sinnhaften Aufbau der sozialen und kulturellen Welt des Nordens, die allzeit abrufbare Sinnelemente enthält und auch allzeit funktionalisiert worden ist.

Meine These ist, daß sich aller historischen Verwerfungen und aller nationalen Orientierungen zum Trotz die Ideologie des Nordismus als dauerhaft erweisen sollte, daß sie dem 20. Jahrhundert genauso plausibel erscheint wie dem (kaum) aufgeklärten schwedischen 17. Jahrhundert und daß ihr folglich sehr wohl eine historische Kontinuität zugrundeliegt. Der Nordismus als Begriff und Inhalt der nordischen Identität ist auf der Basis einer funktionalistischen Konstruktion - genau wie die deutsche Germanen-Ideologie - in der Tat von ideologischem Charakter. Was sich abspielte, war die kulturelle (in Rudbecks Falle: barock-wissenschaftliche) Konstruktion einer Gemeinschaftsideologie, deren Wirkmächtigkeit bis in die &039;Europa&039;-Auseinandersetzungen des späten 20. Jahrhunderts nachzuspüren ist. Insofern erfüllt der Nordismus die theoretischen Voraussetzungen einer "Mythomotorik", die in der "Form des Vergangenheitsbezuges" eine "identitätsfundierende, handlungsleitende und gegenwartsdeutende Kraft" darstellt.6 Daß sie in der Moderne überlebte, ja bis in die Gegenwart reicht, ohne eine Staatsbildung im eigentlichen Sinne zur Folge gehabt zu haben, macht den speziellen skandinavischen &039;Sonderweg&039; aus.

Ihren besonderen Reiz bekommt sie neben der Überlebensfähigkeit und der speziellen skandinavischen Funktionalität aus zwei weiteren Gründen: Erstens, weil im Laufe der Jahrhunderte mit der Sinnkonstruktion eine nationale Verschiebung vor sich geht, die anzuerkennen auch innerskandinavisch kontrovers sein wird. Ursprünglich entsteht die Vorstellung vom spezifisch nordischen Wesen in Schweden im 16./17. Jahrhundert, in einer ganz speziellen politisch-dynastischen Machtkonstellation; sie wird transmittiert als Götizismus7 und als Karlismus im 18. Jahrhundert und schließlich dann im 19. Jahrhundert in ihren Strukturen und in einer ganz bestimmten Funktionalität von einem Dänen übernommen - von Nikolai Frederik Severin Grundtvig, der sie zu einer nordischen verallgemeinert. Griff die nordische Konstruktion von schwedischer Identität aus machtpolitischen Gründen in der frühen Neuzeit auf die ganze Region über, camouflierte also die schwedischen Intentionen wegen dynastischer Herrschaftsansprüche hinter der nordischen Verallgemeinerung, so war dem 19. Jahrhundert der Durchblick auf die schwedische Konstruktion des Nordens bereits verstellt - das Schwedische hinter dem Allgemeinen nicht mehr erkennbar.

Der zweite Reiz bei der Aufdeckung der Genese der nordischen Identitätskonstruktion beruht in der Kontinuität der postulierten moralischen Überlegenheit des Nordens: Hatte schon Tacitus auf die kulturelle und moralische Höherwertigkeit der Germanen verwiesen - er wollte den verderbten Römern einen Spiegel vorhalten -,8 so zieht sich durch (fast) alle nordischen Identitätskonstruktionen bis in die aktuellen Debatten über den Modellcharakter der skandinavischen Wohlfahrtsstaaten das tragende Element der politischen und moralischen Superiorität. Die von Montesquieu verbreitete "Tacitus-Legende" von dem Ursprung der modernen Demokratie in den Wäldern Germaniens gehört als Heterostereotyp in diese Genealogie genauso wie die seit Voltaire immer wieder verbreitete Lichtvokabel: "La lumière vient du Nord!" Voltaire meinte dies noch - auf den aufgeklärten dänischen König gemünzt - politisch,9 spätestens am Ende des 19. Jahrhunderts war der Satz nur noch moralisch zu verstehen und zur Mitte unseres Jahrhunderts rassistisch. Allen spießbürgerlichen Jante-Minderwertigkeitsgefühlen10 zum Trotz gehört der moralische Superioritätsanspruch des Nordens zum Auto- und zum Heterostereotyp.11

Bevor ich aber zu dem geistig-literarischen Ausschnitt komme, den ich hier skizzieren will, einige einleitende Bemerkungen zur aktuellen Relevanz der Fragestellung und zum intellektuellen Umfeld.

&039;Norden&039; vs. &039;Europa&039;

Die politische, die soziale und die ökonomische Krise des gegenwärtigen Skandinavien (in der Regel benannt mit dem Begriff vom "Ende des Wohlfahrtsstaates"12), die sich allenthalben verändernden politischen Bedingungen der Gegenwart und das aktuell weitverbreitete Gefühl der politischen und sozialen Unsicherheit hat nicht nur eine politisch-institutionelle, sondern eine umfassende mentale Krise, eine Identitätskrise, eine Krise des nationalen Selbstverständnisses provoziert. So hat die politische Umbruchsituation auch in Skandinavien eine Suche nach Wahrheit und Sicherheit unter den Bedingungen von Raum und Zeit provoziert, eine Suche nach Sinn und Bedeutung im politischen und sozialen Leben.

Für sehr viele Menschen in Skandinavien, für Politiker und Intellektuelle gleichermaßen, war das traditionelle Politikkonzept vom &039;Norden&039; (im Kern bedeutet das die Bejahung der übernationalen Kooperation und die Ablehnung der politischen Integration) der vorgezeichnete Weg aus den Problemen der Gegenwart. Der Kontrast &039;Europa&039; (womit im Alltag immer die Europäische Union gemeint ist) gegen &039;Norden&039; wurde seit den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts - im Umfeld der Abstimmungen zur Europäischen Gemeinschaft - zum alles überragenden Thema der politischen Debatte.13 In allen skandinavischen Ländern wurde und wird der &039;Norden&039; von sehr vielen Menschen als politisch sinnvolle Kooperationsstrategie bei der Überwindung der aktuellen politischen und ökonomischen Krisen betrachtet - oder aber der Norden wird als Vorbild für die politische, soziale und kulturelle Integration Europas vorgestellt.14 Die &039;Norden&039;-Strategie war und ist so attraktiv, weil sie die historische innernordische Evidenz in sich barg und birgt - sie wurde allerdings selten analysiert, auch nicht auf ihren geistig-kulturellen Hintergrund und auf ihre politische Wirksamkeit hin. Interessanterweise ist das innerskandinavische &039;Norden&039;-Konzept auch durch die faschistisch-nazistischen Erfahrungen dieses Jahrhunderts grundsätzlich nicht erschüttert worden -könnte man, das sei mehr als polemisch angeführt, die deutschen Nazis und die Völkischen doch als die wahren &039;Norden&039;-Apologeten interpretieren,15 und ist doch das &039;nordisch-völkische&039; Vokabular in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg mehr als suspekt geworden und aus dem politischen Sprachschatz weitgehend verschwunden. Innerskandinavisch ist das &039;Norden&039;-Konzept so immun gegenüber äußeren Verwerfungserfahrungen, daß schon aufgrund dieser simplen Beobachtung der Ideologiecharakter deutlich werden müßte. Diese Attraktivität hat, das kann an dieser Stelle bereits festgehalten werden, in erheblichem Maße mit dem angesprochenen moralischen Teil der Sinnkonstruktion zu tun.

In den wenigen seriösen Untersuchungen über das nordische Zusammengehörigkeitsgefühl besteht Einigkeit darüber, daß zwischen dem "Formellen" und dem "Informellen"16 unterschieden werden muß. Das "Formelle" - das ist die Politik, das sind die politischen Strategien, die Konzepte, die institutionellen Regelungen, die Erfolge der Kooperation im politischen Alltag. Dies soll hier nicht interessieren. Hier interessiert das "Informelle" - die Genese und die Manifestationen jenes einmaligen Gefühls der regionalen, übernationalen kulturellen Zusammengehörigkeit, das den Norden Europas auszeichnet - eben die Ideologie des Nordismus, der - was zu beweisen ist - älter ist als der politisch-literarische Skandinavismus des 19. Jahrhunderts.

Wird üblicherweise der Beginn der Skandinavismus-Bewegung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ja das Aufkommen des Begriffs "Skandinavismus" überhaupt parallelisiert mit der Zeit der Nationalstaatsbildung und den politischen und kulturellen Einigungsbestrebungen auf dem Kontinent in und nach den napoleonischen Kriegen, so ist damit doch keineswegs die überzeugende Anwort auf die skandinavische Genese der nationalen Erweckung geliefert, denn die Gleichzeitigkeit mit den entsprechenden Bewegungen auf dem Kontinent sieht über die kulturellen, die historischen und die politischen Vorbedingungen hinweg, die nicht parallelisiert werden können: Die herausragende Rolle, die die altisländische Literatur für die Identitätsbildung im Norden gespielt hat; die Geschichtsschreibung des Nordens; die Rolle, die die gemeinsame Unionszeit mit ihren identitätsbildenden Rivalitäten und Kämpfen einnahm; der Einfluß, den die europäische Perspektive (Heterostereotyp) auf Skandinavien für die nordische Identität gehabt hat. Diese und andere Aspekte haben einen identitätsstiftenden Bodensatz hinterlassen, auf dem das 19. Jahrhundert die spezifisch moderne politische Selbstverständniskultur hat wachsen lassen.

Das 19. Jahrhundert in seinem Bestreben nach Ordnung und Eindeutigkeit, in seinem apodiktischen Entweder-Oder-Denken erfindet dann allerdings einen Skandinavismus von neuer Qualität - durch die schwedischen Götizisten, in der Erweckung Finnlands zu kultureller Eigenständigkeit unter russischer Vorherrschaft nach 1809, in der euphorischen norwegischen Nationalstaatsbildung nach 1814, vor allem aber durch den und mit dem Dänen Grundtvig in der gesamten ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Das 19. Jahrhundert erfindet einen Skandinavismus, den es vor allem in seiner Massenwirksamkeit vor diesen Daten in dieser Eindeutigkeit in der Tat nicht gegeben hat, nicht geben konnte. Die "Nordische Mythologie", die Grundtvig 1808, erst recht die Fassung, die er 1832 vorlegte17, postuliert etwa einen gemeinsamen kulturellen Norden, an den vor dem 19. Jahrhundert gar nicht zu denken war.

Die vormoderne, literarisch-mythologische, schwedisch-nordische Konstruktion wird nun - zur Mitte des 19. Jahrhunderts - politisch; auf jeden Fall aber kann sie nach dem Ende auch des skandinavischen Absolutismus nicht mehr zur Legitimierung von dynastischer Herrschaft herangezogen werden. Brach die dynastische Legitimität nationaler Gemeinschaftskonstruktion mit der Guillotinierung Ludwig XVI. in Frankreich in sich zusammen und wurde durch das Prinzip der Volksherrschaft auf der Basis einer Vorstellung von ethnischer und kultureller Homogenität ersetzt, so bedurfte es für die Implementation neuer Identitätsparadigmata in Skandinavien keiner rollenden Köpfe: Der aufgeklärt-absolutistische Pragmatismus der Oberschicht, nicht zuletzt aber die agrarische Wirtschaftsstruktur und die periphere europäische Lage begünstigten einen Evolutionismus, der das an Ideologiekonstrukten mit in die neue Zeit übernahm, was sich in das Nationalstaatsparadigma integrieren ließ. Weil - in einem langsamen Erosionsprozeß - die alte (dynastische) Legitimität entschwindet, werden im 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund der sich neu strukturierenden Öffentlichkeit eine neue Legitimität und Identität konstruiert, die aus den Versatzstücken der alten zusammengesetzt sind. Die neue Konstruktion ist bis 1864 im kollektiven Bewußtsein des Nordens fest verankert - obwohl sie ihre politische Belastungsprobe in diesem Jahr nicht besteht -, und sie wirkt sinnstiftend am Beginn des demokratischen Zeitalters und überdauert die Katastrophen.

Die überlebten und bis auf den heutigen Tag tradierten Elemente des Nordismus sind vor diesem Hintergrund und im Rahmen der europäischen Geschichte der Demokratisierung und der Nationalstaatsbildung im 19. Jahrhundert als ideologische Überreste einer mißglückten Nationalstaatsbildung zu interpretieren - die Geschichte dieser gescheiterten Reichseinheit beginnt aber nicht erst 1864, sie reicht zurück bis hinter die schwedische Großmachtzeit.

Mit anderen Worten: Die Konstruktionsgeschichte des Nordismus in Verlängerung, Ergänzung und im Kontrast zur europäischen Konstruktion von regionaler und nationaler Identität ist durchaus eine von Brüchen; die Kontinuitätsgeschichte gehört bereits zur ordnenden Konstruktion.

Legitimität und Identität aufgrund von Anciennität

Den Skandinavismus des 19. Jahrhunderts konnte es, wie gesagt, vor dieser Zeit nicht geben: nicht in der politischen Wirklichkeit, nicht in den literarischen Dokumenten. Erst im 19. Jahrhundert ereignen sich auch in Skandinavien jene politisch-ökonomisch-gesellschaftlichen Veränderungen, die nach anderen als auf dynastischen Machtkonstruktionen basierenden, kulturellen Sinnstiftungen verlangten; eine neue Öffentlichkeit begründete neue Kanäle der Bedeutungsvermittlungen; für genetisch-dynastische Selbstverständnisdebatten war jetzt kein Raum mehr; die Dimensionen des Kulturellen fanden jetzt Eingang in den (nationalen) Identitätsdiskurs: Geschichte, Überlieferung, Sprache, Literatur, Religion. Daß der Skandinavismus am Anfang des Jahrhunderts eine literarische, dann in seiner Mitte eine politische Bewegung war (weniger eine strategische), die von einer Generation getragen wurde, wird symbolisch noch durch folgendes belegt: Als diese Jugend, die mit dem Skandinavismus sozialisiert und groß geworden war, 1864 ins Alter kam, konnte sie das politische Konzept zu Grabe tragen - es war militärisch-strategisch ohne Folgen geblieben. Hinfort blieb den &039;Norden&039;-Protagonisten ob ihrer politischen Folgenlosigkeit nichts anderes übrig, als sich in Traurigkeit regelmäßig zu betrinken, der "Punsch-Skandinavismus" ersetzte gesellschaftlich, was als politische Strategie gedacht war. Insofern kann man hier eine ideologische Parallelität zu den deutschen Burschenschaften erkennen.

Gleichwohl gibt es vor dem 19. Jahrhundert eine politische Ideologie des "Nordismus", die mit der Atlantis des Olof Rudbeck gegen Ende des 17. Jahrhunderts erstmals eine besondere literarische, eine spekulative Manifestation erfährt. Der Macht legitimierende Götizismus des späten skandinavischen Mittelalters und der frühen Neuzeit (der Aufstieg Schwedens zu einer modernen europäischen Großmacht) wird zum Grundsubstrat der gemein-nordischen Identitätskonstruktion - auch wenn späterhin die Begrifflichkeit eine andere wird, so sind die Denkstrukturen und die Intentionen doch die gleichen.

Auch die nordische Geschichtsschreibung auf Latein der Brüder Johannes (1488-1544) und Olaus Magnus&039; (1490-1557)18 muß man bei der Identitätsgenealogie mit heranziehen;19 die beiden - im Zusammenhang mit der Reformation - landflüchtigen Theologen liefern allerdings eine Rechtfertigungsgeschichte des eigenen katholischen Glaubens und der römischen Kirche: Sie schreiben diese Geschichte aber nicht im Norden, sondern in Italien, im katholischen Exil. Eine intellektuell überzeugende, identitätsstiftende Wirkung hatte das Werk trotz des überwältigenden europäischen Erfolges deshalb nicht, weil die intendierte Strategie zur Rettung des römisch-katholischen Paradigmas nicht aufging, nicht aufgehen konnte: Es war schließlich der lutherische Protestantismus, der zur ziviltheologischen Grundlage der skandinavischen Politik und Gesellschaften wurde.20

Vor Rudbeck wird durch Ragvaldi die dynastische Begründung politischer Identität manifest und ist seither in der politischen Diskussion. Auf dem Konzil von Basel 1434 wurde über die Rangfolge der Repräsentanten, ihren Anspruch auf zuzuweisende Räumlichkeiten und die Tischordnung gestritten. Die Würde und der Rang der Vertreter leitete sich, so die Argumentation, aus dem Alter einer Nation und dem (frühen) Datum der Bekehrung zum Christentum ab. Der skandinavische Unionskönig Erik von Pommern wurde von Nicolaus Ragvaldi, dem Erzbischof von Växjö, vertreten, der - auf Jordanes gestützt - in einem historischen Exposé die Rechte seines Königs damit begründete, daß die Goten ihre Urheimat in Skandinavien gehabt hatten, nach Süden ausgewandert waren und schließlich in Spanien ein Großreich errichtet hatten, von wo sie die arianische Irrlehre bekämpft hatten. Die historisch-politische Genealogie begründete, so Ragvaldi, die vorrangige Stellung der Schweden/Skandinavier im Konzert der europäischen Mächte auf der Grenze zur Moderne: "Darum, verehrte Väter, wenn man recht und gebührend all dieses bedenkt, wird man nirgends von einem Reich lesen, daß ein höheres Alter, eine größere Kraft und Ehre besitzt als das unsere." Das Fragezeichen, das er seinem Satz anhing, war wohl mehr rhetorischer Art.21

Es ging noch nicht um die Nation, es ging um den Staat: Seine Rangposition im Konzert der Mächte gründete sich auf Anciennität; staatliche Identität - und nur um eine solche konnte es sich vor dem Eintritt in die Neuzeit handeln - basierte somit auf historischen und politischen &039;Daten&039;, die man fälschen konnte und die man gerne fälschte, notfalls durch scholastische Konstrukte wie beim genannten Beispiel. Die ideologische Dimension dieser Erfindung von Sinn und Bedeutung ist offensichtlich. Das Beispiel sollte nicht das letzte bleiben; es setzte allerdings Maßstäbe für die folgenden Jahrhunderte, denn dieser "Götizismus" wurde die Staatsideologie der schwedischen Großmachtzeit,22 seine Spuren sind bis in das späte 19. Jahrhundert hinein zu verfolgen. Durch Olof Rudbeck erfährt er seine mythischen, seine kosmischen Tiefendimensionen.

Die barocke Konstruktion des Nordens aus Schweden: Atlantis

Olof Rudbeck (1630-1702) war Professor für Medizin an der Universität Uppsala, wo er fast sein ganzes Leben verbrachte. Seine bleibende Leistung war die Entdeckung des Lymphsystems. Daneben war er der bedeutendste schwedische Anatom, Botaniker, Astronom, Architekt, Techniker, Polyhistor seiner Zeit mit einer weit über sein Land hinausreichenden Reputation. Er war barock wie Newton, wie Leibniz, wie sein Kollege Carl von Linné; zugleich war er modern in seiner Sicht auf die Naturgeschichte.23 Ein anderer schwedischer Großer dieses Zeitalters stand ganz im Banne Rudbecks: Emanuel Swedenborg (1688-1772), Spiritist mit weltweiter Ausstrahlung bis heute, rezipiert von allen europäischen Größen nach ihm, setzte wie kaum ein anderer den Geist Uppsalas und die wissenschaftlichen Impulse um, die er dort erfahren hatte.24 Rudbeck, Swedenborg und viel später Strindberg waren diejenigen in der schwedischen Geisteselite, die die großen Entwürfe gegenüber den kleinen Details bevorzugten; sie greifen die tradierten Quellen auf und formen das Weltbild unter Einbeziehung eigener Spekulationen neu. Martin Lamm stellte bereits 1915 in bezug auf Rudbeck und Swedenborg fest (das Zitat darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Lamm durchaus die Verrücktheiten der beiden sah):

Rudbecks &039;Atlantis&039; und Swedenborgs geistige Welt haben in ihrer Konstruktion vielleicht nicht viel gemeinsam. Aber sie haben doch beide ihren Ursprung in der gleichen Art wissenschaftlicher Phantasie, genährt und angetrieben von einer Zeit, in der die Entdeckerlust ständig neue Horizonte für den Menschengeist öffnete.25
Möglicherweise war er nicht der erste, auf jeden Fall aber war er ein begnadeter Professor-Unternehmer und ein großer Wissenschaftsentertainer, zu dessen Leichenöffnungen in dem von ihm entworfenen "Theatrum Anatomicum" im "Gustavianum", dem damaligen Zentralbau der Universität gegenüber dem Dom, Hunderte von Neugierigen aus der ganzen Region strömten und hohes Eintrittsgeld zahlten.

Rudbeck war eine Größe der Zeit, er war ein Gelehrter von europäischer Dimension. Er wurde auf dem Kontinent gelesen, die wissenschaftliche Welt der Zeit korrespondierte mit ihm - heute ist er außerhalb Schwedens vergessen,26 seine Werke liest man nicht, in den europäischen Übersichtswerken zur Wissenschaftsgeschichte kommt er nicht vor, erinnert wird er allenfalls wegen der Entdeckung des Lymphsystems, also als Mediziner. Der Wissenschaftsmanager, der Visionär Rudbeck ist in den Annalen verschwunden wie der Gegenstand seines Forscherlebens, die Insel "Atlantis".

Das illustrierte, über zweitausendseitige und vierbändige Werk Atland eller Manheim ist datiert auf die Jahre 1679, 1689, 1699 und 1702. Den vierten Band hatte er sukzessive mit Fortschritt des Manuskriptes drucken lassen und die ungebundenen Bögen am sichersten Ort der Stadt aufbewahrt, im Dom zu Uppsala. Als die Stadt und der Dom im Mai 1702 in Flammen aufgingen, verbrannten auch die gedruckten 210 Seiten des vierten Bandes, nur drei vollständige Exemplare blieben erhalten; Rudbeck starb im September desselben Jahres.

Das voluminöse Werk, auf Schwedisch und Latein geschrieben, zieht sich durch die schwedische, die skandinavische und zum Teil durch die frühneuzeitliche europäische Ideengeschichte; in Schweden wurde die Rudbeckische Atlantis politisch und hat aus naheliegenden Gründen im Ideenhaushalt der Nation überlebt: Ohne daß der Text im großen und ganzen außerhalb der Bibliotheken zugänglich war, ist das Werk im Gedächtnis der Nation präsent; es wurde zu einem selten, vielleicht sogar nie gelesenen Klassiker.27 Erst zwischen 1937 und 1950 ist es in einer verdienstvollen schwedischen Ausgabe der Lychnos-Gesellschaft wieder gedruckt worden.28 Diese Ausgabe ist seit längerem vergriffen; die Erstausgabe ist fast gar nicht zu haben, die zweite auf dem antiquarischen Markt rar und teuer.

Die Werkgeschichte ist nicht unwichtig für die Beurteilung des Stellenwertes, den die Atlantis im literarischen, aber auch im nationalen Selbstverständnis Schwedens einnimmt. Auch verdient festgehalten zu werden, daß die von Rudbeck betriebene Öffentlichkeitsstrategie ungemein erfolgreich war - sein Werk wurde in Europa gelesen, er korrespondierte mit der gelehrten Welt. Die je zehn Jahre zwischen dem Erscheinen der einzelnen Bände sind angefüllt mit neuen Studien, mit von außen angestoßenen Recherchen. Er schreibt, wenn man so will, eine Fortsetzungsgeschichte von der Ausbreitung der menschlichen Zivilisation aufgrund von Rückfragen seiner europäischen Kollegen. Nimmt man als Maßstab nur die beißend satirischen Kommentare zu einer ganzen Reihe von Details, die der Däne Ludvig Holberg im 18. Jahrhundert verfaßt,29 so muß man den Schluß ziehen, daß das Werk mindestens in der intellektuellen Welt Gemeingut war. Gleichwohl ist die Rudbeckische Atlantis heute aus dem europäischen kulturellen Gedächtnis verschwunden. Man wird sie vergebens unter den vielen modernen Anthologien und Untersuchungen des politischen (utopischen/apokalyptischen) Denkens suchen; Rudbeck hat neben Morus, Campanella und anderen frühneuzeitlichen visionären Autoren seinen Platz verloren. Auch im Zusammenhang mit Untersuchungen zur platonischen Utopie, auf die er ja immerhin reagiert, wird er nicht erwähnt.

Worin beruht die Bedeutung des Rudbeckischen Projektes? Welches ist die verborgene Botschaft seiner Vision? Wie funktionieren die barokken Konstruktionen? Wie sind sie angelegt?

Das Rudbeckische Projekt

Olof Rudbeck verfaßte mit seinem Werk nichts weniger als eine analytisch und empirisch begründete Neuinterpretation der Schöpfungsgeschichte und eine in der Regel sprachanalytisch-etymologisch belegte Deutung der Zivilisationsgeschichte - eine nach rückwärts angelegte Utopie. Sein Ziel ist kein geringeres, als die politische, zivilisatorische und moralische Überlegenheit des Nordens im allgemeinen und Schwedens im besonderen zu beweisen. Seine Zeitgenossen und seine unmittelbaren Nachfolger haben das Werk in dieser wissenschaftlich verstandenen Weise auch gelesen und diskutiert. Der Gedanke aber, daß wir es hier mit einem literarischen Werk, einem hochambitionierten ästhetischen Unternehmen zu tun haben, wurde nicht vorgelegt: Daß eine Vielzahl von Wandertopoi dem Werk den besonderen, aber durchaus bekannten Charakter einer Ideologie- und Identitätskonstruktion verleiht, bleibt in der Regel undiskutiert - obgleich die Mechanismen dieser Konstruktion bekannt sind und schon von Holberg deutlich wahrgenommen wurden.

Mit den analytischen Instrumentarien seiner "barocken Wissenschaft", wie Gunnar Eriksson dies herausgearbeitet hat, wird das gesamte zivilisatorische Wissensrepertoire seiner Zeit auf Schweden und den Norden projiziert: Fennoskandinavien war nach der Sintflut das erste wieder bewohnte Areal; das sagenumwobene, versunkene Atlantis Platons identifiziert er als die skandinavische Halbinsel - er führt dafür insgesamt 102 Beweise an: Die frühhistorischen Hügel von Uppsala interpretiert er als Vorentwürfe der altägyptischen Pyramiden, wie überhaupt die altägyptische Kultur abhängig ist von skandinavischen Einflüssen; in der alten Kirche von Uppsala erkennt er den antiken Tempel Apollos; die Götter Griechenlands werden zu denen der nordischen Mythologie parallelisiert, der Ursprung des griechischen Götter-Olymp wird vom Mittelmeer an die Ostsee verlegt, Troja wurde von den Skandinaviern gegründet; das griechische Alphabet ist aus dem Runenalphabet entwickelt worden, das Alter der geschichtlichen Welt kann er exakt aus Humus-Ablagerungen ermitteln, die er im Feldversuch gemessen hat, das schwedische Wort für "Knaben", pojkar, wird mit dem Wort "Pygmäen" in Verbindung gebracht, diese wiederum mit den Samen - schließlich sind alle drei klein von Statur. Sprachhistorische, etymologische, topographische, geologische Indizien der Bibel, der Antike und anderer Überlieferungen greift er auf und bringt sie in Übereinstimmung mit Bruchstücken der nordischen Natur, Kultur und Geschichte. - Genüßlich hält Holberg in seiner Parodie Distanz zu Rudbeck, dem er nicht folgen wolle in der Überzeugung, daß Adam der erste Erzbischof von Uppsala gewesen sei.30

Rudbecks Methode ist eine &039;kritische&039;:31 Hatte Platon ausgeführt, daß es in "Atlantis" Wein, ja Elefanten gab und daß eine gewaltige Flutwelle die Insel untergehen ließ, so könnten diese &039;Fakten&039; sehr wohl mit Schweden/Skandinavien in Verbindung gebracht werden. Mit "Wein" - so Rudbeck - umschriebe Platon literarisch nichts weiter als "Bier": auch in den Kenningar der Edda, dem Lehrbuch der altisländischen Skalden, würden diese poetischen Tricks schließlich häufig angewendet. Mit "Elefanten" hätte Platon "Wölfe" gemeint, denn große und gefährliche Tiere würden oft mit den Namen anderer Tiere belegt; die Elefanten, die Hannibal über die Alpen brachte, würden in einigen Quellen als "Ochsen" bezeichnet, in anderen als "Bären". Die Ähnlichkeit der Wörter "Elefant" und "Wolf" (ulf) belegte die gemeinsame Wurzel. Schließlich entlarvt er Platon apropos seiner Untergangsmetaphorik: Die Geschichte mit dem Erdbeben und der Flutwelle sei so unwahrscheinlich, daß man den Philosophen in diesem Falle als seriöse Quelle ablehnen müsse, es habe nur eine große Naturkatastrophe gegeben, die Sintflut - diese aber hat alles Leben vernichtet und nicht nur eine einzelne Insel.

Die Faszination am Norden war und ist eine des Lichtes. Hell und dunkel, Tag und Nacht spielen bei der Beschreibung nordischen Lebens wohl die größte, zumindest eine eindrückliche Rolle. (Eines der großen schwedischen Adelsgeschlechter seit dem 12. Jahrhundert hat den Nachnamen "Natt och Dag" = "Tag und Nacht"!) Rudbeck leitet aus der Erfahrung der ewigen (oder dem Wissen um die ewige) Nacht und des ewigen Tages - und der daraus abgeleiteten Assoziation von Himmel und Hölle - eine &039;kritische&039; Erklärung für die literarischen Beschreibungen der Unterwelt ab: Wenn in den alten Epen von Orpheus&039; oder von Äneas&039; Besuchen in der Unterwelt die Rede ist, so ist dies der Hinweis darauf, daß sie im hohen Norden gewesen sind, denn das Wissen um die Unsterblichkeit, das aus den Unterwelt-Metaphern herausklingt, steht in Übereinstimmung mit den Beschreibungen der Unsterblichkeit in der Edda. Auch an diesem Beispiel wird deutlich, daß er in der Regel zwei oder häufig sogar mehrere Erklärungen für seine Weltinterpretation bietet; assoziativ, aber auch empirisch und analytisch geht er dabei vor. Man sollte jedoch nie vergessen, daß Rudbeck Repräsentant seiner Zeit ist und daß er mit seinen Analysen den Stolz über eine glorreiche Vergangenheit darüber zum Ausdruck bringt, wie eine bescheidene Frömmigkeit in paganem Dunkel wirkt.32

Wird bei früheren Legitimitäts- und Anciennitätsspekulationen der überlieferte Gründungsmythos von seinem Ursprung nach Skandinavien verlängert - wie etwa bei Snorri in seiner Vorrede zur Edda durch trojanische Abkömmlinge, die nach Norden zogen -, so werden von Rudbeck und seinen Anhängern Schweden und der Norden Europas ohne Umweg gleich zum Schoß der Menschheit erklärt, zur "vagina gentium": Unter Berufung auf Jordanes und Isidorus wird der Norden, wird Schweden zur "Insel der Götter", zum hyperboreischen "Atlantis" - "jenseits des Nordwindes gelegen", wie die Alten glaubten. Von hier aus zogen die Goten gen Osten, Süden und Westen, von hier aus kolonisierten sie das übrige Europa und brachten die nordische Zivilisation unter die Menschen des Kontinentes.33 Der "Götizismus", zunächst im Mittelalter als dynastisches Legitimitätskonstrukt zur Behauptung eines vorderen, wenn nicht des ersten Ranges in der europäischen Mächtehierarchie benutzt,34 dann als legitimierendes Argument für die protestantische Sache auf den europäischen Schlachtfeldern während des Dreißigjährigen Krieges verbreitet, erfährt nun durch Rudbeck eine politisch-ideologische Tiefendimension, die ihre Nachwirkungen bis in die Gegenwart haben sollte, weil er das Überlegenheitspostulat wissenschaftlich untermauert, vor allem aber, weil er auf den intellektuellen Trick kommt, die materiellen und immateriellen Zivilisationsleistungen der bisherigen Menschheit auf den Norden zu projizieren. Die übliche Abgrenzung des Fremden wird damit zur Inklusion.

Rudbeck wurde von der vormodernen Politik und der wissenschaftlichen Welt des Barock wörtlich genommen. Auch sein begabter Kritiker, der Aufklärer Ludvig Holberg, rezipiert Rudbeck - immerhin polemisch - als im wörtlichen Sinne abstrusen Vertreter einer scholastischen, einer unsinnigen Wissenschaft. Im Zusammenhang mit der hier zur Debatte stehenden Konstruktion einer nordischen Identität ist Rudbeck allerdings aus zweierlei Gründen wichtig, die jenseits der schieren Rezeption liegen: Zum einen - und dieses gehört noch zum Rudbeckischen Projekt selbst - ist es der politisch-ideologische Anspruch auf Superiorität und Einzigar- tigkeit des nordischen Wesens, zum anderen die erfolgreiche politisch-ideologische Wirkung in der Schaffung eines identitätsbildenden Kanons von stereotypen Überzeugungen.

Die Konstruktion von Anciennität und die kosmische Verortung

Aus zwei Gründen sollte man heute an Rudbecks Anliegen Interesse haben.

Zum einen wegen der durchaus simplen Konstruktion eines Anciennitätsanspruches aufgrund von mythologischen, etymologischen, historischen und natürlichen Ableitungen: Schweden ist - getreu der spätmittelalterlichen Überzeugung - das älteste und würdigste Reich der Welt, weil die Wiege der Menschheit dort gestanden hat, weil alle zivilisatorischen Großtaten der Geschichte von dort ausgegangen sind, zumindest wesentliche Impulse zum Fortschritt der Menschheit aus dem Norden Europas kamen. Das auch machtpolitisch der Genealogie verhaftete Denken des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit verlangte nach einem solchen archimedischen Punkt der Identitätsstiftung. Die Autoren der altisländischen Sagas verfuhren so, die europäische Mächtediplomatie verfuhr so, und auch Rudbeck dachte in diesen schlichten, aber wirkmächtigen Kategorien.

Mit Olof Rudbecks Atlantis wird eine autostereotype Identitätskonstruktion vorgelegt, die auf dem Höhepunkt eines neuen machtpolitischen Paradigmas nicht nur die politische, sondern auch die kulturelle Überlegenheit eines Reiches, eines Staates, einer Nation wissenschaftlich(!) auf der postulierten Grundlage tradierten Wissens (der Geschichte, der Bibel usw.) &039;beweist&039;. Wenn man so will, ist die Rudbeckische Konstruktion von der Anciennität und damit Würdigkeit des schwedischen Reiches vorbereitet worden in der zentraleuropäischen Expansion Schwedens durch Gustav Adolf - dem "Löwen aus Mitternacht" - im Dreißigjährigen Krieg35 und lebte weiter in und mit der europäischen Großmachtrolle, die das Land bis zum Tod Karl XII. 1718 spielte: Im Rudbeckischen Atlantis-Mythos ist die schwedische Staatsideologie des "Götizismus" zusammengefaßt. Daß der Götizismus nicht mit der schwedischen Großmachtpolitik im 18. Jahrhundert aus dem Ideenhaushalt der Nation verschwand, vielmehr umso lebendiger wurde, desto weniger großmächtig Schweden auf dem europäischen Theater agieren konnte, bestätigt die späteren Erfah- rungen mit den politischen Ideologien der Moderne: Je weniger Realitätsgehalt einem Kanon von Sätzen anhaftet, desto resistenter ist er gegenüber Widersprüchen.

In dem hier diskutierten Zusammenhang ist aber die Beobachtung wichtiger, daß wesentliche Bestandteile der Rudbeckischen Norden-Konstruktion ihre Bestätigung und ihre Bestärkung durch das politische Denken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden: Die Geschichtsgläubigkeit, das Insistieren auf der Sprache als identitätsstiftend, das dualistisch-gnostische Denken und anderes mehr. Alle ideologischen Ingredienzien des Götizismus überleben die politischen Krisen des 18. Jahrhunderts und kommen in der Norden-Schwärmerei des romantischen 19. Jahrhunderts wieder an die Oberfläche. Da die andere skandinavische Macht, Dänemark, ihre Großmachtträume bereits lange vor Schweden aufgeben mußte, läßt sich für den südlichen (und unionierten Partner im Westen: Norwegen) ein ähnlicher auf die Nation bezogener Begriff und seinen Inhalt nicht nachweisen. Der aufkommende "Skandinavismus" stellt von seinen Denkstrukturen her insofern einen entschwedisierten Götizismus dar - oder allgemeiner gewendet: Seiner schwedischen Spezifik beraubt und als gemein-nordischen erklärt, wird der schwedische "Götizismus" zum nordischen "Skandinavismus". Ludvig Holberg hatte diese Gleichsetzung bereits erkannt.

Zum zweiten steht das Interesse an Rudbecks Atlantis aber noch in einem anderen Interessenbrennpunkt, dem kosmischen - wird doch das götizistische, autostereotype Konstrukt in der Zeit Rudbecks in einem Symbol zusammengezogen, das zur schwedischen Großmachtmetapher schlechthin wurde: dem Nord- oder Polarstern, der Endstern der Deichsel des "Kleinen Wagens". Waren das "individuelle Charisma" und die "expansive Heilsmission des &039;Löwen aus Mitternacht&039; als Herrschermythos"36 bereits Grundlage für eine teleologische Geschichtsauffassung, die dem frühmodernen Schweden eine transzendente Anbindung gab, so hat sich am Ende des 17. Jahrhunderts die Vorstellung vom Heilsreich so verfestigt, daß die Symbol- und Metaphernsprache ganz selbstverständlich auf den Kosmos ausgreifen kann.

Mit Rudbeck (und er war nicht der einzige) läßt sich belegen, daß die Konstruktion von nationalen Stereotypen und die Kreation von Symbolen zur Markierung von gemeinschaftlicher Identität keine Spezialität des späten 18. bzw. des frühen 19. Jahrhunderts bei der Gründung der modernen Nationalstaaten sind. Auch wenn die Begründung für das Aufkommen des modernen Identitätsbewußtsein eine andere ist als für das vormoderne, so gehen doch die vormodernen Konstrukte in die modernen ein, hinterlassen mindestens ihre Spuren.

Die Rudbeckische Identitätskonstruktion entspringt dem Verlangen nach dem Vergleich mit den europäischen Nachbarn: Ohne die genealogischen und die annalistischen Vergleiche mit den anderen wäre sie nur halb so erfolgreich gewesen. Doch auch die Erfindung des Nordsterns als Symbol für die Macht und Herrlichkeit des Nordens, vertreten durch den schwedischen König Karl XI. - also unmittelbar in der Rudbeckischen Epoche -, wäre ohne den Vergleich und das Imitationsbedürfnis mit den anderen nicht denkbar. Die Nordstern-Symbolik antwortet nämlich auf die Sonnensymbolik Ludwig XIV. Mit der Entstehungsgeschichte dieses Symbols kann man belegen, wie Zug um Zug die französischen Allegorien durch spezifisch nordische abgelöst werden, wie selbst griechische Götter- und Mythenbilder in das Symbol eingehen: Apollo, der Sonnengott, bewegt sich ständig am Firmament, während der Nordstern feststeht - für die Hyperboräer, also die Schweden, bleibt er beständig sichtbar: "Nescit occasum".37 (Der "Große Wagen" heißt im Schwedischen bezeichnenderweise "Karls-Wagen".) - Noch im 19. Jahrhundert wiederholen sich ganz markant die Vergleiche: Die dänischen Offiziere im besetzten Paris nach der napoleonischen Niederlage litten darunter, keine eigenen &039;nationalen&039; Lieder zu haben wie die Franzosen oder die Engländer - ein (erfolgloser) Wettbewerb wurde daher ausgeschrieben; als in den revolutionsschwangeren vierziger Jahren in Kopenhagen die Männerversammlungen ihre Eide auf die nordische Einheit ablegten, wurde Bezug auf den Pariser Ballhausschwur von 1789 genommen.38

Noch die Totenfeier für den 1792 ermordeten Gustav III. in der Stockholmer Riddarholms Kirche, von den am meisten begnadeten public relations-Experten der Zeit arrangiert - von Carl Fredrik Sundvall und Johan Tobias Sergel -, verweist auf die Versatzstücke einer nationalen Identität, die sich aus der griechischen Antike herleitet, aus dem norrönen Altertum, aus der Rudbeckischen Bildsprache und aus der an Montesquieu angelehnten Naturmetaphorik von den germanischen Wäldern als Ursprung der parlamentarischen Demokratie: Über dem Sarkophag wölbt sich der künstliche Grabhügel eines Wikingerhäuptlings, an seinen Seiten stehen Runensteine, darauf ist die antikisierende Büste Gustav III. von Sergel angebracht, darüber steht am zypressenumkränzten Firmament ein mächtig strahlender Nordstern.39 Daß der anti-revolutionäre, aufgeklärt-absolutistische Gustav III. ein Anhänger des klassischen Altertums war, ein Verehrer der norrönen Vergangenheit und ein Kenner des Rudbeckischen Werkes, stellt die Bedeutung der Symboliken noch besonders heraus.

Der Anschluß der Rudbeckischen &039;gotischen&039; Konstruktion an die dynastischen Legitimitätskonstruktionen am Ausgang des absolutistischen 18. Jahrhunderts ist offenbar. In den literarischen Dokumenten Europas kann man diese Phänome vielfach aufspüren: den rein technischen Vorgang in der Form einer Identitätskonstruktion und -symbolik wie auch die inhaltliche Bedeutungsverschiebung und -überlagerung. Insofern ist diese hier gelieferte Interpretation nicht neu und auch nicht weiter überraschend; die europäische Ideologiegeschichte war in dieser Hinsicht sehr phantasiereich.

Die mythisch-mentalen Ausgrabungen, die Rudbeck im kollektiven Gedächtnis Europas veranstaltet und deren Überlebenskraft mit dem Beispiel der einhundert Jahre später zelebrierten Gustavianischen Totenfeier bewiesen ist, haben nur diese eine Absicht (sieht man von der karrierebedingten Egozentrik des Erfinders ab): der Erhebung Schwedens über Raum und Zeit. Doch bereits mit seinem Sohn läßt sich eine Bedeutungsaddition in der Identitätskonstruktion nachweisen, die nun definitiv über den schwedischen Raum hinauszeigt.

Der &039;Norden&039; als Identitätstopos

Für die Genese der schwedischen Großmachtmetaphern und -symbole kommt dem Sohn und Stellennachfolger Rudbecks eine wichtige Rolle zu, wird doch durch ihn die Naturerfahrung und die Nordlandmystik zu einem ganz wesentlichen Bestandteil und Ausdruck des politisch-gesellschaftlichen Selbstverständnisses nicht nur in Schweden, sondern im ganzen Norden; war er auch nicht der erste, der eine Nordland-Konstruktion aufstellte, so lassen sich mit ihm allerdings die Mechanismen herausarbeiten.

Im Jahre 1695 unternahm der fünfunddreißigjährige Professor der Medizin, Olof Rudbeck der Jüngere (1660-1740) eine wissenschaftliche Exkursion nach Lappland; es blieb bezeichnenderweise seine einzige große wissenschaftliche Exkursion. Sie wurde von Karl XI. unterstützt, der im Jahr vorher im hohen Norden gewesen war und die Mitternachtssonne als Beleg für die Großartigkeit seiner Herrschaft buchstäblich erfahren hatte: Er regierte über ein Land, in dem die Sonne nicht untergeht40 (zumindest nicht im Sommer). Die Erforschung der Mitternachtssonne im Sommer 1695 war Teil eines großangelegten norrländischen Forschungsprogrammes - der Vater hatte sicherlich seinen Teil an der Vorbereitung der Unternehmung -, über das ein erster Band erschienen ist, die Vorbereitungen für die restlichen elf Bände sollen beim Brand Uppsalas vernichtet worden sein.41 Von dieser Unternehmung liegen ein Reise-Tagebuch und ein umfangreiches Skizzenbuch mit 168 Tuschzeichnungen der Tiere und Pflanzen des nördlichen Schwedens vor - zur "Zierde des Reiches"42. Die wenigsten Abbildungen sind von Rudbeck selbst; es war aber die Intention der Wissenschaftler, die Flora und Fauna Lapplands vollständig zu inventarisieren. Die exakten und wunderschönen Illustrationen wurden erstmals 1987 in einer Faksimileausgabe publiziert, bis dahin war das Iter Lapponicum, unter welchem Namen das Werk in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen ist, in Uppsala verwahrt und ist von unzähligen Forschern benutzt worden; es war eine wesentliche Inspirationsquelle für u.a. Carl von Linné, der Zutritt zur Privatbibliothek der Rudbecks hatte. Linné hat dann auch 40 Jahre später seine berühmte "Lappländische Reise" an zum Teil dieselben Orte unternommen, an die auch die Rudbeckische Expedition gelangt war.

Das Werk ist hier von Interesse, weil es in hervorragender Weise illustriert, wie die Versatzstücke einer nationalen Identität literarisch aufkommen - erfunden werden -, zu Stereotypen, schließlich politisch, in diesem Falle sogar nordisch und übernational werden. Es ist dies nicht die erste Selbstverständnis-Manifestation, sondern sie reiht sich ein in eine Kette von Publikationen zur norrländischen Romantik, mit denen eine nationalspezifische Identität begründet wird, die sich von der Renaissance bis in die zeitgenössische Literatur und Kunst, ja bis in die Popkultur hineinzieht.43

Der &039;Norden&039; wird innerschwedisch und innernordisch zu einer zeitunabhängigen Metapher, mit der ein spezifisches Lebensgefühl markiert, eine Herkunft benannt, Verschiedenheit postuliert wird. Die Lappen/Samen spielen bei dieser Genese der Stereotypen eine besondere Rolle, wird mit ihnen doch der Typus des innernordischen &039;edlen Wilden&039; gefunden, dessen zivilisatorische Unberührtheit insbesondere Linné faszinierte und ethnozentrisch überhöhte. Mit Rudbeck dem Vater, also in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, beginnt die wissenschaftliche Entdeckung des hohen skandinavischen Nordens: Die Berge werden erstmals vermessen und abgezeichnet, die Märchen der Samen aufgeschrieben; ein ethnozentrischer Primitivismus zieht sich dabei durch die Abhandlungen, der gleichwohl immer ein affirmativer bleibt44 - gleichsam ein Linnéischer. Der Topos &039;wild&039; wird dabei nicht verwendet, ist gleichwohl immer präsent: Der &039;wilde Norden&039; ist im 17. Jahrhundert ein weißer Fleck auf der europäischen Landkarte, und die Uppsalienser tilgen ihn im Laufe der nächsten 100 Jahre. Sie sind aber nicht nur &039;primitiv&039;, sie sind schlichtweg naiv, phantasiegeritten - aber: forschende Geister auf der Grundlage eines strengen Empirismus. Mit der zweiten Erschaffung der Natur durch Carl von Linné (weil er die Botanik systematisierte und den Pflanzen einen Begriff gab, erhielt er den Beinamen "der zweite Adam") ist der Höhepunkt dieser empirischen Wissenschaften erreicht, jetzt zählen die Fakten und nicht mehr die Deduktion; die Neugierde auf die Welt, der Utilitarismus und die Sachlichkeit bestimmten die Grundlagen im Umgang mit der Umwelt.45

Die Überlieferung des Rudbeckischen Werkes durch die Zeiten ist vielfach gebrochen und, wie oben in der Werkgeschichte angedeutet, keineswegs linear. Ich folge bei meiner Interpretation der Komponenten zunächst Kurt Johannesson:46
Olof Rudbeck der Jüngere eröffnet sein Werk mit drei interpretationswürdigen Seiten: Am Anfang ist der Berg "Kassavare" mit seinem Wasserfall im heutigen Jokkmokk abgebildet (Cascawari vattufall), etwa in dieser Gegend hatte Vater Rudbeck das biblische Paradies lokalisiert;47 danach folgt das Widmungsgedicht für Karl XI., und schließlich wird die Abfolge der Flora Lapponica eröffnet mit dem Abbild des Sceptrum Carolinum, einer Spireenart des Nordens. Die zwei Bilder und das Huldigungsgedicht enthalten ein Stereotypenprogramm, das sich durch die schwedischen und die nordischen Selbstverständnisdokumente hindurchziehen sollte - bis heute. Zugleich markiert Rudbeck, in welche Tradition er sich gesetzt sehen will: es ist die Atlantis-Tradition seines Vaters, und es ist die Tradition der großartigen Architekturbestandsaufnahmen Erik Dahlberghs (1625-1703), dessen Suecia antiqua et hodierna 1660-1716 erschien. Intentional schließt Rudbeck aber sehr wohl auch an die Historia de gentibus septentrionalibus des landflüchtigen Erzbischofs Olaus Magnus von 1555, mit der die lappländische Romantik begann, und an die phantastische wie effektvolle Lapponia des Johannes Schefferus von 1673 an. Daß Schefferus kein Anhänger der Atlantis-Theorie seines Kollegen war, mithin vom Sohn auch nicht besonders goutiert wurde,48 läßt sich am Huldigungsgedicht ablesen; es beginnt mit den Worten:

Großmächtigster König
allergnädigster Herr
Vom Norden kommt das Gold, dem großen Gott zur Ehre,
so ist es vorhergesagt, von einem heiligen Mann [...].49
Der "heilige Mann" ist Olaus Magnus, der in seinem Werk wiederum unter Hinweis auf den biblischen Hiob vom "Gold" aus dem Norden spricht; eine genaue Erläuterung, was mit dem "Gold" gemeint sein könnte, erfolgt nicht - man kann allerdings aus der nachfolgenden Apotheose von der Schönheit der nördlichen Natur, den Reichtümern Lapplands, der Flora und Fauna, den Bodenschätzen, den Flüssen schließen, was hier gemeint ist: die Ressource Natur schlechthin. Der bislang unerforschte Norden birgt alle Reichtümer, die den Wohlstand des Landes befördern können; sie sind offenbar und warten nur der Ausbeutung. Daß er von seinen Zeitgenossen wörtlich genommen werden konnte mit seiner Interpretation der nördlichen Natur und ihrer Geschichte, hat er vielleicht nicht geahnt; immerhin aber stellt er bei seiner norrländischen Spekulation von 1701 Nora Samolad sive Laponia illustrata im Einleitungsgedicht klar, daß es nicht das Metall war, das er meinte: "Ich suchte nicht Gold, sondern Tiere und seltene Pflanzen [...]"50.

Unter den gewaltigen Schätzen - und damit ist Rudbeck in der Tat für nachfolgende Generationen auf der metaphorischen Ebene vorbildgebend -, sticht einer besonders hervor, der durch Rudbeck "dem größten König auf Erden" überreicht wird: das Sceptrum Carolinum, eine Blume, die der Wissenschaftler an den "Gestaden Luleås" gefunden hat und im zweiten Bild des Iter Lapponicum abbildet. Die Pflanze behält diesen Namen und wird zum Sinnbild für den König Großschwedens - es war derselbe Karl XI., der den Nordstern zum Sinnbild Schwedens machte, die symbolische Imitation der ludovikischen Sonne Frankreichs: Der Stern, der nie untergeht.

Die &039;edlen Wilden&039; des Nordens leben aber nicht nur ein freies und einfaches Leben in unberührter Natur und im Zustand der unausgebeuteten Kreatur - weshalb es Zeit wird, daß die königlichen Steuereintreiber auch nach Norden vordringen -, sondern sie repräsentieren auch die religiöse Unschuld und Frömmigkeit. Die Mystik Olaus Magnus&039; - und auch die des Olof Rudbeck - schaut die unberührte Natur und verklärt sie zum Medium der religiösen Andacht und der Glaubensumkehr. Die Natur des Nordens ist wunderbare Offenbarung Gottes; die Heiligkeit der Berge, der Flüsse, der Ebenen symbolisiert, nein ist die Weisheit und die Gnade Gottes. Die Transzendenz des Nordens ist die Natur nicht erst seit der Romantik, sondern seitdem der Norden im Norden beschrieben worden ist. Das Titelbild der Rudbeckischen Laponia illustrata faßt diese stereotype Konstruktion eindeutig zusammen: Die Lappen beten in ihrer Unschuld die Sonne an, der Priester lenkt seine andächtigen Zuhörer auf den strahlenumkränzten Erlöser, die Engel zeigen Schaubilder mit hebräischen und gotischen Schriftzeichen. "Alle anderen Völker sind von der Weisheit und Frömmigkeit des Altertums abgefallen, aber nicht die ganz im Norden. Dort verstanden selbst die einfachsten Menschen, daß alles in der Natur Gottes Wort an die Menschen ist."51

Wenn sich bei Olaus Magnus die norrländische Spekulation auf die Wiedererrichtung der Macht der katholischen Kirche bezieht - der nördliche Norden gleichsam als Vorbild für die Allmutter Kirche erscheint -, so wendet sich die royalistische Panegyrik Rudbecks der machtbegründenden Spekulation der karolinischen Pfälzer zu: Die vieltausend Jahre alte Blume Sceptrum Carolinum symbolisiert, nein ist die Macht und die Herrlichkeit "des größten Königs auf Erden", Karls XI. "Auf diese Weise zeigt die nordische Natur den Menschen, daß der karolinische Absolutismus seit undenklichen Zeiten in Gottes Plan für die Welt vorhergesehen war."52

Karl XI., dem das Iter Lapponicum 1695 gewidmet war, war zwei Jahre später tot; die Panegyrik entbehrte nun ihrer Grundlage. Bei Erscheinen der Laponia illustrata 1701 aber war ein neuer Held am Kriegshimmel erschienen: Karl XII. Er wollte der neue Alexander werden; die Schlacht an der Narwa war gewonnen, der russische Peter besiegt und noch nicht "der Große". Sohn Rudbeck, der Botanik-Professor, gelehriger Schüler seines Vaters, deutete das Sceptrum Carolinum jetzt mühelos um, die nordische Spekulation erfuhr eine im wahren Sinne mächtige Bedeutungszufuhr: "Die Blume war das Gold wie ein leuchtender Goldhelm, hatte aber auch einen bleichen und blutigen Mund und blutbesudelte Blätter - der Sieg von Narwa und die Prophetie weiterer Siege. Auch das ist in der nordischen Natur vorhergesagt worden für den, der ihre wunderbare Sprache recht versteht."53 Die Blume zieht Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in sich; sie hat die politische und militärische Macht transzendiert und - mit der Olaus-Magnus-Vorgeschichte der Symboldeutung von Natur - markiert die nordische Wende einer Ziviltheologie zur Naturtheologie. "Das Gotische" ist mit der Beschreibung der Blume selbst zum Merkmal der Natur geworden; Rudbeck schreibt in diesem Sinne in der Tat eine "politische Naturgeschichte".54

Daß die Zeitgenossen und die Nachfolger sie bis ins frühe 19. Jahrhundert in der Tat als politische Naturgeschichte gelesen haben, muß nicht unbedingt gegen die Rudbecks sprechen - allerdings sehr wohl die Tatsache, daß der wissenschaftliche, ja der empiristische Anschein durch die Auslassung von Tatsachen getrübt wird: Damals wie heute gehört zum ideologischen Konstrukt des hohen Nordens etwa, daß von der Mückenplage im Sommer gewußt, aber nicht geschrieben wird; damals wie heute wird, den ganzen Norden betreffend, in fast allen literarischen Quellen über die wahren klimatischen Bedingungen die Unwahrheit gesagt. Linné erwähnt die Mücken immerhin noch in seiner "Lappländischen Reise" - bei den Rudbecks darf man sich allerdings wundern, daß Gottvater das Paradies ausgerechnet in diese Moskito-Hölle verlegt hat. Der Sohn - wie die meisten Norden-Apologeten - bedient sich also desselben ideologischen Tricks wie der Frage-verbietende Vater: Er übergeht unangenehme Wahrheiten und schönt damit die Identitätskonstruktion.

Die &039;barocke&039; Wissenschaft der Rudbecks zeigt Parallelstrukturen zum modernen politischen Denken. Insofern sind nicht nur die Überlebenskraft ihrer direkten Argumentationen, aber auch der bei den Zeitgenossen geweckten Assoziationen bemerkenswert, sondern in noch viel stärkerem Maße die offenbaren theoretischen Lehren. Ich kann daher an dieser Stelle die Darstellung und Analyse der Rudbeckischen Konstruktion(en) abbrechen. Doch bevor ich auf den theoretischen Nutzen dieser frühneuzeitlichen Quelle für die Verortung des Nordismus komme, soll ein modernes Beispiel für die Inklusion von Natur in die kulturelle Späre der nationalen und regionalen Identitätskonstruktion gegeben werden. Damit soll noch einmal auf die ideologischen Folgen der Rudbeckischen Naturmystik in der Moderne, aber auch auf die behauptete Kontinutität des gefundenen Denkmusters der Naturinterpretation im nationalen Ideenhaushalt verwiesen werden, wie sie sich in Nordeuropa festsetzt und durch die Zeiten wiederholt.

Der Norden als Lebensgefühl

Ronny Ambjörnsson, Ideengeschichtler in Umeå, an der nördlichsten Universität Schwedens, verweist unter der Überschrift "Nordisches Licht" auf eine moderne Variante der Naturtheologie hin: Er zitiert an der Stelle die schwedische Pädagogin und Kindheitspolitikerin Ellen Key (1849-1926) mit Texten vom Ende des vorigen Jahrhunderts und beleuchtet damit die kulturelle Bedeutung, die Natur für das konstruierte Selbstverständnis hatte und hat. (Ohne daß ich hier darauf näher eingehen kann, soll erwähnt sein, daß es am Ende des letzten Jahrhunderts war, als jene spezielle Malerei erfunden wurde, für die das "Nordische Licht" angezündet wurde, und daß insbesondere unter Hinweis auf die "Skagen-Maler" von einer spezifischen dänisch-skandinavischen Malerschule gesprochen wurde. Daß diese skandinavisch-nordische Typisierung unter den Ideologie-Verdacht zu stellen ist, mag an dieser Stelle mit dem kurzen Hinweis begründet sein, daß Carl Larsson (1853-1919) und seine Freunde ihre idyllischen und stereotypen Landleben-Bilder in Grèz-sur-Loing, 60 Kilometer südlich von Paris gemalt haben, jener schwedischen Künstlerkolonie am Ende des vorigen Jahrhunderts, seit der Landschaft in der Landschaft gemalt wurde.55)

Im Sommer 1897 befindet sich Ellen Key auf Åreskutan. Sie wandert in der Nacht auf den Berg, setzt sich in eine Schlucht und schaut über Berge und Wasser. Sie stellt fest, daß die Aussicht strahlend ist, aber nicht gerade unübertrefflich. In den Alpen sind die Bergketten weit mächtiger, die Wasserfälle steiler und die Sommeralmen schöner. Aber die Alpen sind stumm. Sie sprechen nicht zum Betrachter, sie bewahren ihre Geheimnisse.

In Norrland ist es nicht so. Derjenige, der zu lauschen vermag, kann - aber nur während der Mittsommernächte - die Berge und den Wald hören, wie sie &039;ihre innersten Geheimnissse flüstern&039;. Das Schweigen hat eine Sprache, die Einsamkeit eine Gemeinschaft: die Natur. Die Gemeinschaft der Natur ist dieselbe wie die Gemeinschaft des Lebens.56

Das Potential, das die Natur mit ihren Schätzen im Norden ohne Zweifel darstellt, wird von der schwedischen Nietzsche-Anhängerin Key problematisiert gegenüber der Schönheit und dem Glücksgefühl, das diese Natur vermittelt, mit denen sie allerdings auch weniger anfangen kann. Key stellt die Notwendigkeit der Naturausbeutung im Norden - sie repräsentiert schließlich den Evolutionismus der Zeit - nicht infrage; sie verweist aber darauf, daß die zivilisierte Natur auch den Menschen kleiner macht, ihn zu einer "kleinen Seele" werden läßt, ganz im Sinne Strindbergs: "Es ist der ganz und gar zivilisierte Mensch, mit seinem Traum von der zivilisierten Natur, der klein wird."57 Sie schließt ihre Betrachtung mit den Worten: "Wir müssen für unsere geistige Kultur diese unendliche, einsame Weite bewahren, in der der Mensch groß wird dadurch, daß er sich als klein empfindet."58

Ich halte diese Aussagen zum Natur-Kultur-Verständnis für weniger zeitgebunden als Ambjörnsson, der Key in das fin de siècle stellt - in das Umfeld von Nietzsche, Hansson, Strindberg, Spencer und Langbehn. Was nach meiner Überzeugung hier vielmehr durchklingt, ist die traditionelle Konstruktion von einem Norden als Lebensgefühl, in dem &039;Natur&039; und &039;Kultur&039; nicht getrennt sind, sondern in dem die &039;kulturelle&039; Naturbetrachtung (wie bei Key) als ritueller Akt die Begrenztheit der menschlichen Existenz transzendiert und dadurch &039;Natur&039; zu einer Bedingung von &039;Kultur&039; wird. Diese Interpretation macht Sinn, wenn man sie unter Einbeziehung der stereotypen Vorgeschichte seit der Renaissance betrachtet - als kulturelle Konstruktion von Sinn. Und schließlich: Auch Ambjörnsson ist als &039;Norrländer&039; gegenüber den Sozialisationserfahrungen im hohen Norden nicht immun.

Bereits mit dem Beispiel Rudbeck kann man auf das europäische Mißverständnis im Hinblick auf die geographische Definition des Nordens hinweisen - seit der Zeit Ellen Keys, der Skagen-Maler, der &039;französischen&039; Schweden, in der Endphase der skandinavischen Nationalstaatsbildung ist es ganz offensichtlich: Wenn die Zentraleuropäer vom &039;Norden&039; sprechen, dann schließt dieses Sprechen das ganze Skandinavien ein - hierbei wird Skandinavien als ideologischer Raum konstruiert. Anders ist dies in Skandinavien selbst - zwar gibt es auch hier den Norden als regionale Einheit, die den Kulturraum von Grönland bis Finnland und von Spitzbergen bis zur Eider umschließt. Aber es gibt auch einen eingegrenzten &039;Norden&039;-Begriff, der sich nur auf den hohen Norden bezieht. Von diesem war in den genannten literarischen Quellen die Rede.

Mit Ellen Key - Ambjörnsson führt als weiteres Beispiel Strindberg an - kann man zeigen, wie sich seit den Rudbecks ein spezifisches Verständnis von Natur im kollektiven Gedächtnis eingegraben hat, das durchaus konstitutiv für die Nationsbildung wurde. Wenn Mörke die Berufung auf die Löwenprophetie (Gustav Adolf) für nicht ausreichend zur Konstituierung Schwedens als Nation hält und die "Renaissance des Gotentums" im 16. und 17. Jahrhundert als die wesentliche Voraussetzung für die Herstellung der politisch-geistigen Kohärenz der Nation herausarbeitet,59 so ist unbedingt auf die Kontinuität eines spezifischen Naturverständnisses im nationalen Ideenhaushalt hinzuweisen - in Schweden wie im ganzen Norden -, das sich in der Tat von dem des kontinentalen Europa unterscheidet: Natur ist Kultur. Der Götizismus/Nordismus/Skandinavismus wäre dann die elitengesteuerte Legitimationskonstruktion &039;von oben&039;,60 die Naturmystik die säkulare Zivilreligion &039;von unten&039;. Außerhalb der römischen Politik- und Rechtsherrschaft verblieben - in diesem politisch-historischen Sinne definiert sich &039;Norden&039; durchaus als &039;nicht-römisch&039; -, nur mäßig den Sozialisierungen der römisch-katholischen Religion ausgesetzt,61 ist Natur in dieser europäischen Peripherie zur Ersatz-Transzendenz geworden, deren Betrachtung Kult und Kultur in sich vereint.
In seinem Exkurs zur nordischen Kulturidentität faßt Stig Strömholm diesen Befund plastisch in den Sätzen zusammen:

Die kontinentale [...] Beziehung zur Natur kann unerhört intensiv sein, innerlich, schwärmerisch, was man will. Aber man ißt die Natur mit dem Teelöffel, während man es im Norden mit der Kelle tut. Es gibt einen Hang zur Linnéischen Sachlichkeit, wieder einmal eine bäuerlich pragmatische Arme-Leute-Sachlichkeit im nordischen Naturverhältnis, mit tiefen lyrischen Obertönen.62

Zur theoretischen Verortung

Viele Zeitgenossen des älteren Rudbeck haben gegen seine mythomane Konstruktion argumentiert, viele haben dagegen heftig polemisiert. Diese Gegenbewegung hat die Überlebenskraft des &039;atlantischen&039; Denkens im Norden gleichwohl kaum schwächen können. Der schwedische Großmacht-Götizismus ist eine direkte Folge zunächst der Anciennitäts-, dann der &039;atlantischen&039; Konstruktion des Mittelalters bzw. der frühen Neuzeit. Im übrigen wirkt der (anfangs literarische) Skandinavismus der Romantik und des nordischen Biedermeiers als verstärkendes Ideen-Konstrukt, der in der Debatte um eine nordische Identität immer wieder aufkommt - dieses gilt auch für die &039;griechisch-römischen&039; Erfahrungen des antik überhöhten Goldenen Zeitalters. Insofern werden die im kollektiven Gedächtnis abgelagerten &039;nordischen&039; Erfahrungsinhalte gerade im Ausgang des 18. Jahrhunderts und am Beginn des 19. Jahrhunderts angereichert mit einem Amalgam aus jüdisch-griechisch-christlichem Denken und in die ziviltheologische Spezifik des modernen Gemeinschaftskonstruktes eingebettet. Daß diese Debatte eine eminent politische war und ist, liegt auf der Hand; daß sie aber auch eine eminent moderne war, wird in der Kommentierung meist übersehen: Die Modernität beruht auf ihrem Ideologie-Charakter.

Um das Rudbeckische Denken, die nachwirkenden Debatten und die politische Wirkung dieser Identitätskonstruktion theoretisch verorten zu können, will ich hier nur stichwortartig einige Gedanken auflisten:

  • Wann immer über den Nordismus gesprochen wird, wird er beschrieben als ein &039;Gefühl&039;, damit ist die oben benannte &039;informelle&039; Dimension gemeint. Von Grundtvig bis zu den modernen Pamphleten der Anti-EU-Kampagnen im Norden gibt es keine Versuche einer evidenten, stringenten Beschreibung und Analyse dessen, was Nordismus eigentlich ist. Kein Zweifel, der Nordismus existiert, aber bis heute hat noch niemand konkret gesagt, welches die Inhalte sind. Seit dem Bragesnak Frederik Grundtvigs63 hat sich kaum etwas in analytischer Hinsicht ergeben.
  • Der Nordismus/Skandinavismus ist in Krisenzeiten konstruiert worden: Am Beginn des 19. Jahrhunderts, als der Absolutismus unter Druck geriet (Schweden verlor Finnland und die norddeutschen Regionen, Dänemark Norwegen), als die Gesellschaften und die Ökonomien sich radikal veränderten (in Skandinavien allerdings langsam), als die dynastischen Legitimitätskonstrukte jenen auf der Volksherrschaft gegründeten wichen und schließlich in allen drei Ländern moderne Verfassungen geschrieben wurden (in Dänemark erst 1849). Die politischen und mentalen Krisen dieser Epoche sind von einem Mann beschrieben worden und mit seinem Namen gleichsam auf den Begriff gekommen: Grundtvig. Damit ist aber auch gleichzeitig gesagt, daß es vor Grundtvig keinen sozialdominant akzeptierten Nordismus geben konnte. Erst mit der sich im 19. Jahrhundert verändernden Öffentlichkeit konnte das Konstrukt des Nordismus als Identitätskonstruktion öffentlich, also politisch wirksam werden, da jetzt der Bruch in der politisch-sozialen Struktur die alten, haltgebenden Identitätstraditionen obsolet werden ließ und neue Angebote nötig wurden. Zur Stütze dieses Argumentes muß ergänzt werden, daß es vor der Reformation ein Nordismus undenkbar gewesen wäre, denn die einzig akzeptierte kulturelle Einheit in Europa war der Katholizismus. Die großen Identitäts- und Einheitskonstruktionen setzen daher erst nach der Festigung des Protestantismus ein. Die &039;katholischen&039; Romantiker, wie etwa Novalis, wären danach strukturell gesehen die wahren Skandinavisten des frühen 19. Jahrhunderts; spätestens zur Mitte des Jahrhunderts werden sie politisch und bei dann schrumpfenden Nationalstaaten nationalistisch. Wenn man eine Grenzziehung begrifflich markieren will, dann ist der Götizismus eine nach außen zielende, auf Anciennität pochende, absolutistische Machtideologie - für das europäische Theater sozusagen. Der Skandinavismus ab dem 19. Jahrhundert hingegen ist eine nach innen wirkende gemeinschaftsstiftende Identitätskonstruktion.
  • Der moderne Nordismus (= Skandinavismus) ist von der romantischen Bewegung erfunden worden, als die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen die neuen Schichten - insbesondere das Bürgertum - in ein neues Verhältnis zur &039;Macht&039; brachten. Historische und kulturelle Daten der nordischen Völker aus alter Zeit wurden aufgeschrieben, gesammelt, übersetzt und zur Legitimationsbasis im neuen System der Öffentlichkeit erklärt. Die Quellen bestanden hauptsächlich aus derjenigen Literatur, die von einer isländischen, christianisierten Elite ab dem späten 13. Jahrhundert aufgeschrieben worden war - rückdatiert in das frühe Mittelalter (8. bis 10. Jahrhundert). Aufgrund eines offenkundig vorhandenen Legitimations- und Identitätsbedürfnisses kann es nicht überraschen, daß die Zeit-Brüche so einfach hingenommen wurden, ja als konstitutiv für das Konstruktionsgebilde interpretiert werden können und müssen: Die Logik der hingenommenen Brüche ergibt sich allein auf der ideologischen Ebene; auf der faktischen bleiben die Widersprüche bestehen - schließlich gibt es keinen Beleg dafür, daß die isländische intellektuelle Elite des 13. Jahrhunderts irgendetwas gemein hatte, sagen wir mit den schwedischen Bauern des Mälartales am Ende des 19. Jahrhunderts, doch eine Gemeinschaft des Nordismus wird gleichwohl behauptet.
  • Der Nordismus ist nie zur Grundlage realer (Außen-) Politik gemacht worden: Die Dänen verloren ihren Krieg 1864 trotz der erklärten skandinavischen Solidarität; es gab kaum so etwas wie eine gemeinsame nordische Politik während des 1. Weltkrieges; während des 2. Weltkrieges waren Norwegen und Dänemark von den Deutschen besetzt, Finnland teilweise von den Russen (und den Deutschen), Schweden weigerte sich erfolgreich, am Krieg teilzunehmen (und wenn es dies getan hätte, hätte es sich unter Umständen den Deutschen angeschlossen - auf jeden Fall half es den Deutschen durch den Verkauf von Eisenerz an die Rüstungsindustrie). Nach dem großen Krieg wurden verschiedene politische Strategien verfolgt, um den Kalten Krieg zu überstehen, kein wirklicher Versuch für eine gemeinsame nordische Politik wurde realisiert.
  • Der Nordismus erlebte seine größte Krise 1864 - und hat gerade wegen 1864 überlebt: Die machtpolitischen Verhältnisse hatten sich mit der durch 1864 möglich gewordenen deutschen Einheit in Europa deutlich verschoben; in den kleinen Randstaaten wurde vor dem Hintergrund der militärischen und politischen Niederlage eine auf reale Verhältnisse gegründete politische Identität - nämlich die Solidarität der Skandinavier - unmöglich, statt dessen etablierte sich im politischen Selbstverständnis eine auf einer kulturellen Identität gegründete Konstruktion, die keiner politischen Prüfung bedurfte.
  • Der Nordismus blühte auf, als die Nationalstaatsbildung am Ende des Jahrhunderts zum Ende gekommen war, als das demokratisch-parlamentarische Regime sich in unterschiedlicher Zeitabfolge durchgesetzt hatte und die Agrargesellschaften sich zu industrialisieren begannen. Mit dem Nordismus werden zu dieser Zeit in sich rapide ändernden Gesellschaften Residuen einer zurückliegenden, solidarischen Zeit aufgehoben, die aufkommende nordische Naturreligion - bei Ellen Key sehr deutlich, bei den literarischen Apologeten des neuen Maschinenzeitalters aber ebenso aufzuspüren, bei dem Dänen Johannes V. Jensen ebenso wie bei dem Norweger Knut Hamsun - wird zum integralen Bestandteil einer imaginierten, solidarischen Gemeinschaft des Nordens, die es in historischer Zeit nie gegeben hat. Spätestens seit dieser Zeit ist dem Nordenbegriff eine bestimmte Vorstellung von der Natur als Kulturäußerung inhärent. Daher kann in Schweden auch eine Nationalhymne gesungen werden, in der vom "Norden" die Rede ist und nicht von "Schweden"64 - nichts ist so schwedisch wie der skandinavische Norden! Dem immer wieder als schwach ausgebildet postulierten schwedischen Nationalbewußtseins65 steht auf der anderen Seite eine Schwedisierung des Nordens gegenüber.
  • Der Nordismus wurde nur als politische Strategie ernstgenommen, d.h. als Mittel, nie als Zweck: Erst wenn der größere Markt (= Europa) nicht mehr infrage kommen konnte, wurden &039;nordische&039; Lösungen vereinbart: der Nordische Rat, der Nordische Ministerrat, Entwicklungspolitik, Umweltpolitik usw.
  • Der Nordismus ist die einzige &039;nationalistische&039; Bewegung des 19. Jahrhunderts, die ihre verwandten europäischen Bewegungen überlebt hat; sie alle sind heute in den Büchern der Geschichte vergraben: Der Pangermanismus und die entsprechende italienische Bewegung sind tot, der Panslavismus ist tot (mehr oder weniger tot: die russische Politik gegenüber Serbien!) - nur der Nordismus hat überlebt.
  • Der ideologische Charakter des Nordismus wird evident, wenn man studiert, wie er in der Politik benutzt wird: Der Nordismus wird immer in Krisenzeiten als politisches Instrument propagiert (in neuerer Zeit regelmäßig im Zusammenhang mit den Deutschen). Verschiedene Akteure haben den Nordismus zu verschiedenen Zeiten für verschiedene Zwecke benutzt: Grundtvig, um die Dänen gegenüber den Deutschen zu immunisieren, die Marxisten benutzen ihn gegen den bösen europäischen Kapitalismus, die Feministinnen für die Emanzipation, die Umweltbewegung für eine intakte Umwelt, die protestantische Staats-/Volkskirche und die Freikirchen gegen Rom, die Abstinenzler gegen den Alkohol usw. Der Nordismus wurde eine omnibus-Ideologie. Oder mit dem Begriff der Ideologie-Forschung: Der Nordismus ist eine "Killer-Phrase" - er ist absolut richtig, fügt aber kein besonderes Argument zu einem bestimmten Problem hinzu - so als zitierte man die Bibel, die Kirchenväter oder wen auch immer.66

Zusammenfassend wird man festhalten können, daß der Nordismus selten jenseits politisch-intellektueller Postulate als eine Handlungsstrategie ernstgenommen, daß er je als ernstzunehmende politische Strategie von &039;formaler&039; Politik verstanden wurde. Der Nordismus ist ein Produkt des Bewußtseins, ein &039;Überbau-Produkt&039;. Der politische Wille, eine überzeugende Strategie zur Implementation des Nordismus zu entwickeln, fehlt immer noch. Dieses ist dem Umstand geschuldet, daß weder politische Interessen noch organisierte Initiativen sich je für den Nordismus eingesetzt haben - an diesem Punkt unterscheidet sich der moderne vom frühmodernen Nordismus in der Tat, aber hinter dem frühmodernen Nordismus stand, wie belegt, auch die funktionalistische Gemeinschaftskonstruktion zur Legitimierung von Großmachtpolitik. Insofern ist der Nordismus der politisch-ideologische Rest einer fehlgeschlagenen Nationalstaatsbildung in Nordeuropa; die im 20. Jahrhundert praktizierten Kooperationsstrategien (Sozialunion, Paßunion u.a.) beziehen ihren Erfolg aus einer in der Politik gescheiterten Gemeinschaftskonstruktion - die im Bewußtsein der einzelnen und im kollektiven Gedächtnis der Nationen überlebt hat.

Schlußfolgerung

Meine Schlußfolgerung ist: Der Nordismus ist in gleicher Weise ein ideologisches Konstrukt wie das Germanentum, er trägt alle Elemente ideologischen Denkens in sich. Nur politisch war er nicht so gefährlich und kultur- und menschenverachtend wie letzteres, das einen eindeutigen politischen Handlungsauftrag in sich barg. Olof Rudbeck selbst ist mir für dieses Ergebnis der Kronzeuge, liefert er doch in seiner Atlantis von 1679 die immer wiederholte ideologische Replik, gegen die keine rationale Einsicht hilft: "Ich halte mich lieber an die wahren Träumer als an die unwahren Schreiber."67

Der ideologische Kern des Nordismus, der ihm also von Anfang an innewohnt, ist damit theoretisch beschrieben: Er entbehrt jeder objektiven Realität (d.h. er ist ein &039;Gefühl&039;), hält auch der Realitätsprüfung nicht stand, und er unterliegt dem Frageverbot: Traum ist Realität, Wunsch ist Politik - Analyse ist Unwahrheit, Realität ist Lüge. Man muß von einer mehrere Jahrhunderte langen Tradition dieses politischen Denkens ausgehen, also von einer festsitzenden Identitätsstruktur, wenn noch 1996 der Generalsekretär des Nordischen Ministerrates in einer Erwiderung auf eine anti-europäische Polemik äußert: "[...] ein echter nordischer Visionär hat immer meine Sympathie."68

Es verläuft in der Tat von Rudbecks Erfindung des Nordens eine direkte Linie zu den modernen Visionen von nordischer ethischer Größe und moralischer Superiorität - die gerade in der Kleinheit liegt. Ich habe den barocken, geistigen Entdeckungsreisenden Rudbeck zitiert, weil die visionäre Einsicht, die er formuliert, darauf hinweist, daß er der erste &039;nordische&039; Ideologe ist mit einer klaren Vorstellung vom Nordismus, allerdings verborgen in der Konstruktion von schwedischer Größe und Herrlichkeit - er gab Geschichte Bedeutung.

Formuliert hatte diesen &039;Konstruktions&039;-Gedanken Erik Gustaf Geijer bereits im 19. Jahrhundert. Bei seinem Durchgang der Geschichte der Kalmarer Union, deren zentrale Gestalt - Margrete I. (1387-1412) - für viele bis heute die Ikone des Nordismus ist, weil sie nicht nur eine erfolgreiche politische Einigung zustande brachte, sondern auch biographisch den Norden symbolisiert: geboren in Dänemark, aufgewachsen in Schweden, verheiratet mit einem norwegischen König (allerdings sprachlich deutsch sozialisiert), bei seinem Durchgang der Geschichte der Kalmarer Union kommt Geijer zu der klassischen Schlußfolgerung: Dieses sei eine Tat gewesen, die ein Gedanke hätte sein können.69

Um aber nun nicht mit dieser dekonstruktivistischen Rekonstruktion eines ideologischen Patterns im nordischen politischen Denken zu enden, muß als letzter Satz auf den Unterschied verwiesen werden, den eine kulturelle Konstruktion im Ideenhaushalt einer Nation spielt und den sie für die Identität wie das politische Selbstverständnis eines Landes auf der einen Seite hat, und der konstruktivistischen Vorstellung von politischer Strategie und Taktik auf der anderen Seite. Konstruktion als politische Strategie hat nichts/wenig zu tun mit dem erfahrungsgeleiteten politischen Selbstverständnis und einer auf historischer Evidenz beruhenden politischen Kultur. Aber das ist Thema für einen anderen Essay.

Eine englische Fassung dieses Textes wird im November erscheinen in: Stråth, Bo, u. Oystein Sørensen (Hg.): The Cultural Construction of Norden. Oslo: Universitetsforlag, 1997.


 

1: Olaus Rudbecks Atlantica. Svenska originaltexter. Hg. v. Axel Nelson i. Auftrag v. Lärdomshistoriska Samfundet. 5 Bde. Uppsala, Stockholm: Almqvist & Wiksell, 1937-1950, Bd. 1, 427. (Jag will således behålla häller de sanna drömmare, än de osanna skrifware.)
2: Jensen, Johannes V.: Den gotiske Renaissance. Kopenhagen: Det nordiske Forlaget, 1901, 135. (&039;De Forenede Nordiske Republikker&039; - det var en køn Tanke. Men der gives ikke tre Nationer hinanden mere fjendtlige end de tre nordiske, netop fordi de er beslægtede. Hadet mellem dem er panisk.) - Die Übersetzungen aus den skandinavischen Sprachen sind, wenn nicht anders angegeben, von mir, B.H.
3: See, Klaus von: Deutsche Germanen-Ideologie. Vom Humanismus bis zur Gegenwart. Frankfurt a.M.: Athenäum, 1970; ders.: Barbar, Germane, Arier. Die Suche nach der Identität der Deutschen. Heidelberg: Winter, 1994.
4: Gerd Wolfgang Weber hat zu diesem Vorgang kürzlich einen ausführlichen Beitrag vorgelegt: "Nordisk fortid som chiliastisk fremtid. Den &039;norrøne arv&039; og den cykliske historieopfattelse i Skandinavien og Tyskland omkring 1800 - og senere". In: Roesdahl, Else, u. Preben Meulengracht Sørensen (Hg.): The Waking of Angantyr. The Scandinavian Past in European Culture. Århus: Aarhus universitetsforlag, 1996, 72-119.
5: Assmann, Jan: "Frühe Formen politischer Mythomotorik. Fundierende, kontrapräsentische und revolutionäre Mythen". In: Hartmann, Dietrich, u. ders. (Hg.): Revolution und Mythos. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1992, 39-61.
6: Assmann, 40f.
7: Vgl. hierzu neuerdings Mörke, Olaf: "Bataver, Eidgenossen und Goten: Gründungs- und Begründungsmythen in den Niederlanden, der Schweiz und Schweden in der Frühen Neuzeit". In: Berding, Helmut (Hg.): Mythos und Nation. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewußtseins in der Neuzeit. Bd. 3. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1996, 104-132. Bei Blocher wird ausführlich auf die Vorgeschichte des frühneuzeitilichen Götizismus eingegangen (59-117); ausführliche Literaturangaben ibid.: Blocher, Sabine: Altertumskunde und Sammlungswesen in Schweden von den Anfängen im Mittelalter bis zur Regierungszeit Gustavs II. Adolf. Frankfurt a.M. usw.: Lang, 1993. - Der "Götizismus" wird im Rahmen dieser Schriften von Frauke Hillebrecht: Skandinavien - die Heimat der Goten? Der Götizismus als Gerüst eines nordisch-schwedischen Identitätsbewußtseins. Berlin: Humboldt-Universität, 1997 (= Arbeitspapiere "Gemeinschaften"; 7), gesondert gewürdigt.
8: Vgl. hierzu u.a. Henningsen, Bernd: Der Norden: Eine Erfindung. Das europäische Projekt einer regionalen Identität. Berlin: Humboldt-Universität, 1995 (= Öffentliche Vorlesungen; 50).
9: Vgl. Henningsen, Bernd: Die Politik des Einzelnen. Studien zur Genese der skandinavischen Ziviltheologie. Ludvig Holberg, Søren Kierkegaard, N. F. S. Grundtvig. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1977 (= Studien zur Theologie und Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts; 26), 29.
10: Henningsen, Bernd: Jante Lagen: Von der Vormacht des Mittelmaßes. In: NORDEUROPAforum 1996:1, 17f.
11: Vgl. Østergaard, Uffe: Europas ansigter. Nationale stater og politiske kulturer i en ny, gammel verden. Kopenhagen: Rosinante, 1992, 14-55, bes. 55.
12: Vgl. Henningsen, Bernd, u. Bo Stråth: "Die Transformation des schwedischen Wohlfahrtsstaates. Ende des &039;Modells&039;?" In: Jahrbuch für Politik 2, 1995, 221-246.
13: Ich lasse dieses hier unbelegt: Die literarischen und wissenschaftlichen Fundstellen sind Legion!
14: Zu letzterem vgl.: Vår andas stämma - och andras. Kulturpolitik och internationalisering. Fritzes, SOU 1994:35, bes. 52ff.
15: Wie begeistert und dankbar in Skandinavien die deutsche Norden-Apotheose aufgenommen wurde, mag an dieser Stelle nur mit dem Hinweis auf die illustre Beiträger-Schar zu dem von Hans Friedrich Blunck, Präsident der Reichsschrifttumskammer, herausgegebenen Prachtband des Propyläen-Verlages von 1937 belegt werden. Blunck, Hans Friedrich: Die nordische Welt. Geschichte, Wesen und Bedeutung der nordischen Völker. Berlin: Propyläen, 1937.
16: Joenniemi, Pertti: "Norden - en europeisk megaregion?" In: Nordiska rådet (Hg.): Norden är död. Länge leve Norden! En debattbok om de nordiska länderna som "megaregion" i Europa. Kopenhagen: Nordisk ministerråd, 1994, 23-51, bes. 38.
17: Grundtvig, N. F. S.: Nordens Mythologi eller Sindbilledsprog. Kopenhagen 1832.
18: Historia de gentibus septentrionalibus (1555). Vgl. hierzu Mörke.
19: Vgl. Blocher, 83ff.
20: Dies stelle ich nur sehr verkürzt dar.
21: Zit. n. Broberg, Gunnar (Hg.): Gyllene äpplen. Svensk idéhistorisk läsbok. 2 Bde. Stockholm: Atlantis, 1991, Bd. 1., 280 u. 297f. Zur hier referierten Ereignisgeschichte s. ibid.; auch ausführlicher bei Blocher, 94ff.
22: Ibid., 283.
23: Die folgenden Informationen zu Biographie und Zeit entnehme ich der jüngsten umfassenden Studie zu Rudbeck. Eriksson, Gunnar: The Atlantic Vision. Olaus Rudbeck and Baroque Science. Canton/Mass.: Science History Publications, 1994 (= Uppsala Studies in History of Science; 19). Vgl. auch Lönnroth, Lars, u. Sven Delblanc (Hg.): Den svenska litteraturen. Bd. 1. Stockholm: Bonniers, 1987, 250ff.
24: Vgl. Lamm, Martin: Swedenborg. En studie över hans utveckling till mystiker och andeskådare. Falun: Hammarström & Åberg, 1987 [1915].
25: Ibid., 19. (Rudbecks Atland och Swedenborgs andliga värld ha kanske ej till sin konstruktion mycket gemensamt. Men de ha dock båda sitt upphov ur samma slag av vetenskaplig fantasi, närd och eggad av en tid, då upptäckarlusten ständigt öppnade nya horisonter för människoanden.)
26: An dieser Diagnose ändern gelegentlich auch außerhalb Schwedens erscheinende Doktorarbeiten wenig, vgl. z.B. die materialreiche Arbeit von Rest, Margit: Vergangenheitsepos oder Gelehrsamkeitszeugnis: Olaus Rudbecks Atlantica im Spiegel seiner Zeit. München: Diss. 1995; darin die einschlägige Literatur. - Selbst in der fünfzehnbändigen populären schwedischen Geschichte kommt er nicht vor! Grenholm, Gunvor (Hg.): Den svenska historien. 15 Bde. Stockholm: Bonniers, 1977-1979 [10 Bde. 1966-1968]. Auch werden nicht nur in der maßgeblichen schwedischen Literaturgeschichte Vater und Sohn im Register zwar getrennt, die Fundstellen aber falsch zugeordnet: Lönnroth, Lars, et al. (Hg.): Den svenska litteraturen. 7 Bde. Stockholm: Bonniers, 1987-1990. - Auch bei Mörke, der sich ausführlich mit Olaus Magnus beschäftigt und den Götizismus in seiner "Mythomotorik" treffend analysiert, kommt Rudbeck nicht vor.
27: Dieses ist schon in den Erinnerungen P. D. A. Atterboms von 1869 nachzulesen; vgl. Rest, 3.
28: Olaus Rudbecks Atlantica. (Bd. 5 ist der großformatige Illustrationsband.)
29: Vgl. z.B. seine Epistel 193 ("Parodi paa Rudbecks Atlantica"). Holberg, Ludvig: Værker i tolv bind. Bd. 11. Kopenhagen: Rosenkilde og Bagger, 1971, 167-172.
30: S. Holberg.
31: Hier folge ich der Darstellung Erikssons, 22f.
32: Ibid., 61.
33: Vgl. Broberg: Gyllene äpplen, insb. Bd. 1., 279-286.
34: S. Henningsen, Bernd: "Mentalität, Identität, Nationalität. Die Skandinavier auf der Suche nach dem, was sie sind". In: Hans Schottmann (Hg.): Arbeiten zur Skandinavistik. 11. Arbeitstagung der deutschsprachigen Skandinavistik, 8.-14. August 1993 in Sigtuna. Münster: Kleinheinrich 1994, 400-416; die Primärtexte zu diesem Komplex sind abgedruckt in Broberg: Gyllene äpplen.
35: Genau dieses untersucht Mörke, bes. 116ff.
36: Ibid., 117.
37: Vgl. hierzu Solen och Nordstjärnan. Frankrike och Sverige på 1700-talet. Stockholm: Nationalmuseet, 1993, bes. 27f.
38: Vgl. u.a. Linde-Laursen, Anders: Det nationales natur. Studier i dansk-svenske relationer. Kopenhagen: Nordisk ministerråd, 1995, 99.
39: S. Abb. Nationalmuseum: Solen, 403.
40: Broberg, Gunnar: "Olof Rudbecks förgångare". In: Olof Rydbeck den Yngre: Iter Lapponicum. Skissboken från resan till Lappland 1695. Bd. 2. Stockholm: René Coeckelberghs, 1987, 20.
41: Vgl. zur Reise und zur Edition Anfält, Tomas: "O. Rudbeck d. y:s lapska skissbok". In: Rydbeck, 7-10.
42: Zit. n. Johannesson, Kurt: "&039;Från Nordan kommer Gull ...&039; Hyllningsdikt till Karl XI." In: Rydbeck, 69.
43: Zur Rudbeckischen Vorgeschichte s. Broberg, 11-21; dort auch weitere Literaturangaben.
44: Broberg, 19.
45: Ibid.
46: Johannesson, 69f.
47: Zu diesem Bild vgl. Awebro, Kenneth: "Dhet sköna Cascawari Wattufall". In: Rudbeck, 63-68.
48: Broberg zitiert eine stehende Redewendung aus dem Hause Rudbeck: "Das ist so wahr, als ob es in Schefferus&039; Lapponia gestanden hätte" (19).
49: Rudbeck, Bd. 1. 3 (Stormechtigste Konungh/Allernådigste Herre/Från Norden kommer gull, den store Gud till ähra,/så är det fordom spått, uthaff en helig Mann [...]).
50: Zit. n. Johannesson, 70 (Jagh sökte inte Gull; men diur och örter rara [...]).
51: Johannesson, 70.
52: Ibid.
53: Ibid.
54: Broberg, 19.
55: Tägil, Sven et al.: Närhet och nätverk - regionernas återkomst? Lund: University Press, 1994, 41 (= Meddelanden från Erik Philip-Sörensens Stiftelse, 5).
56: Ambjörnsson, Ronny: Tokstollen och andra idéhistorier. Stockholm: Carlssons, 1995, 88. (Sommaren 1897 befinner sig Ellen Key på Åreskutan. Hon vandrar uppför berget på natten, sätter sig i en skreva och ser ut över fjäll och vatten. Hon konstaterar att utsikten är strålande, men knappast oöverträffad. I alperna är bergslinjerna långt mäktigare, forsarna stridare och sommarängarna fagrare. Men alperna är stumma. De talar inte till betraktaren, de bevarar sin hemlighet./I Norrland är det inte så. Den som förmår lyssna kan - fast bara under högsommarnatten - höra fjäll och skog &039;viska sina innersta hemligheter&039;. Tystnaden har ett språk, ensamheten en gemenskap: naturens. Naturens gemenskap är detsamma som livets gemenskap.)
57: Ibid., 109f.
58: Zit. n. ibid., 94. (Vi behöver för vår andliga kultur bevara dessa oändliga, ensamma vider, där människan växer sig stor genom att känna sig liten.)
59: Mörke, bes. 117ff.
60: Zur Rolle der Eliten bei der Sinnkonstruktion durch den Götizismus vgl. Roberts, Michael: The Swedish Imperial Experience 1560-1718. Cambridge: Cambridge University Press, 1979, 72f.
61: Vgl. u.a. Strömholm, Stig: "Exkurs: Nordisk kulturidentitet - myter och realiteter. In: Vår andes stämma - och andras. Kulturpolitik och internationalisering. Stockholm: Fritzes, SOU 1994:35, 19-34.
62: Strömholm, 33. (Den kontinentala [...] naturrelationen kan vara oerhört intensiv, vara innerlig, svärmisk, vad man vill. Men man äter naturen med dessertske, där nordborna gör det med slev. Det finns ett drag av linnéansk skalighet återigen en bondsk pragmatisk fattigmannssaklighed, med djupa lyriska övertoner, i det nordiska naturförhållandet.)
63: Vgl. hierzu Ægidius, Jens Peter: Bragesnak. Nordiske myter og mytefortælling i dansk tradition. Odense: Odense universitetsforlag, 1985.
64: Henningsen, 1994.
65: S. hierzu die Diskussion bei Gidlund, Janerik: "Epilog". In: Ders. (Hg.): Den nya politiska konserten. Identitet, suveränitet och demokrati i den europeiska integrationen. Stockholm: Liber-Hermods, 1993, 194-203.
66: Egenter, Richard, Paul Matussek: Ideologie, Glaube und Gewissen, Diskussion an der Grenze zwischen Moraltheologie und Psychotherapie. München: Knaur, 1968, 141f.
67: Olaus Rudbecks Atlantica. Bd. 1, 427.
68: In: Sydsvenska Dagbladet 22.3.1996. ("EU-motstandare missbrukar Norden".)
69: Dazu sehr knapp Henrikson, Alf: En skandinavisk historia. Norge & Sverige under 1000 år. Stockholm: MånPocket, 1994, 45.


Literaturverzeichnis

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