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Humboldt-Universität zu Berlin - Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät - Nordeuropa-Institut

 

 
 

Exkursion: Das arktische Norwegen (29.5.–5.6.2013)

Die Studierendengruppe unter Leitung von Kjetil Jacobsen und Lill-Ann Körber durfte in und um Tromsø das arktische Norwegen in Theorie und Praxis kennenlernen. Einquartiert war die Gruppe in Unterkünften an zwei Ufern des Kattfjordes 30 Kilometer außerhalb der Stadt. Zwischen den Unterkünften bewegten wir uns hauptsächlich mit dem Boot, konnten von den Terrassen aus kleinen Walen zuschauen, direkt vom Haus aus Bergwanderungen unternehmen, abends zu Angeltouren ins Polarmeer aufbrechen, vom Auto zwischen Stadt und Fjord aus Rentiere und auf der nahe gelegenen »Sommerinsel« Sommarøya die Mitternachtssonne beobachten. Die Quartiere ermöglichten also ein realistisches Erleben Nordnorwegens, das sich gerade durch seine dünne Besiedelung, seine nur ansatzweise Urbanisierung und die Prägung durch Selbstversorgung durch Fischfang, durch Gebirge und Wasserwege auszeichnet.

Das akademische Programm bot durch seine transdisziplinäre Anlage vielfältige Perspektiven auf das polare Nordnorwegen und auf den derzeit sehr prominenten Arktis-Fokus in norwegischen und v.a. Tromsøer Forschungseinrichtungen.

Der Literaturwissenschaftler Prof. Henning Wærp, Sprecher der Forschungsprojekte Arctic Discourses und seit Neuestem Arctic Modernities an der Universität Tromsø, stellte im ersten Vortrag unterschiedliche Arktis-Konzepte, -Begriffe und -Definitionen vor. Dabei betonte er den Umstand, dass es nicht eine allgemein gültige Definition gebe, was und wo die Arktis sei, sondern dass diese immer von Interessen und Perspektiven abhängig, letztendlich also Machtverhältnissen unterworfen sei.

Die Kunsthistorikerin Ingeborg Høvik verfolgte an Hand einer Präsentation britischer Nordwestpassagen-Expeditionen im 19. Jahrhundert die These, dass die Medialisierung solcher Arktisexpeditionen womöglich wichtiger und erfolgreicher gewesen sei als die Expeditionen selbst; es lassen sich im Zusammenhang mit der Geschichte von Polarreisen Bildtraditionen und visuelle Topoi herausarbeiten.

Einar Arne Drivenes und Stian Bones, beide Historiker an der Universität Tromsø, beschäftigten sich in ihren Vorträgen mit der Etablierung Norwegens als Polarnation. Eine dahingehende nationale Selbstinszenierung beziehe sich bis heute auf das Wikinger-Erbe, auf die Rolle Frithjof Nansens für den norwegischen Nationsbildungsprozess, und auf das Zusammenspiel von ökonomischen Interessen und Bildern einer überwältigenden, extremen, exotisierten Natur. In der Verlängerung von Drivenes’ Erörterung gegenwärtiger Arktisstrategien stellt sich die Frage, ob man sich nicht in einer zweiten Phase eines norwegischen „Polarimperialismus“ befindet, diesmal allerdings unter den Vorgaben von Nachhaltigkeit, Ethik und Natur- und Klimaschutz. Bones ergänzte die Diskussion des geopolitischen Spiels, als das das internationale Gerangel um den Zugang zur Arktis bezeichnet werden kann, um das historische Beispiel der norwegisch-russischen Beziehungen seit dem Kalten Krieg – die Arktis stellt sich in diesem Zusammenhang als Spielfeld der Rivalität zwischen Ost und West dar. Interessant für universitäts- und wissenschaftsgeschichtliche Aspekte im Arktis-Kontext ist die Frage, inwieweit die 1968 gegründete und seither ihre Arktis-Expertise stetig erweiternde Tromsøer Universität auch als Teil einer norwegischen Arktis-Strategie gesehen werden kann: als Ort der Wissensproduktion in der und über die Arktis. Sie wird im Übrigen ab 1. August offiziell den Namen Norwegens arktische Universität tragen.

Der Literaturwissenschaftler Niels M. Knutsen schloss den ersten Tag mit unterhaltsamen Überlegungen zum Ge- und Misslingen von Arktis-Expeditionen ab: wissenschaftlich ertragreiche Expeditionen seien nicht immer unbedingt medienwirksam gewesen, wohingegen z.B. die Expedition des schwedischen Ingenieurs Salomon August Andrée 1897, der per Heißluftballon das Nordpolarmeer überqueren wollte und dabei abstürzte, zwar als fataler Misserfolg gewertet werden muss, aber zweifellos eine gute story abgibt (siehe auch Per Olof Sundmans halbdokumentarischen Roman Ingenjör Andrées luftfärd von 1967).

Der zweite Tag des akademischen Exkursionsprogramms begann mit einem Vortrag von Øyvind Ravna über juristische Fragen rund um die samische Bevölkerung in Nordskandinavien: Wo gilt nationales, wo das Völkerrecht? Die Implementierung von UN-Konventionen zu Menschenrechten und den Rechten indigener Völker hat seit den 1950er Jahren eine Wende von nationaler Assimilierungspolitik hin zu einer neuen Minoritätspolitik sowie einer politischen Mobilisierung und später einer kulturellen Renaissance der norwegischen Samen mit sich gebracht. Die ILO-Konvention zur Sicherung der Rechte indigener Völker ist im Übrigen von Norwegen, aber bislang nicht von Schweden oder Finnland, ratifiziert worden.

Tore Henriksen, Jurist an der Universität Tromsø, berichtete von die Arktis betreffenden juristischen Fragestellungen, von Konfliktlinien, neuen Regelwerken und neu gegründeten oder erweiterten Institutionen politischer Zusammenarbeit, die mit dem gegenwärtigen Wettbewerb um die natürlichen Ressourcen in der Arktis einhergehen.

Am Nachmittag wurde das Nordnorwegische Kunstmuseum mit seiner Sammlung regionaler Kunst seit dem 19. Jahrhundert besichtigt.

Der dritte Tag des akademischen Programms stand ganz im Zeichen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der samischen Kultur und Sprache. Die Linguistin Tove Bull erläuterte in ihrem Vortrag Thesen zum Einfluss der samischen auf die skandinavischen Sprachen. Die Behauptung, eine Einflussnahme sei nur umgekehrt erfolgt, müsse als historisch-politische Projektion aus Perspektive der erst in der jüngeren Geschichte dominanten norwegischen Majorität betrachtet werden.

Elisabeth Scheller, Doktorandin an der Universität Tromsø und früher Studentin am Nordeuropa-Institut, berichtete von ihrem Feldforschungs- und Dissertationsprojekt, das sich mit der Revitalisierung samischer Sprachen in Russland befasst.

Den Nachmittag verbrachte die Gruppe am Zentrum für samische Studien. Wir hatten die Gelegenheit, via Internet eine Debatte im Sami-Parlament mitzuverfolgen und erhielten notwendige Hintergrundinformationen dazu von der Politikwissenschaftlerin und Leiterin des Zentrums, Else Grete Broderstad. Torjer Andreas Olsen und Rachel Issa Djesa stellten das internationale Masterprogramm in Indigenous Studies vor, dessen Hauptanliegen es ist, die wissenschaftliche Beschäftigung mit samischer Kultur zu systematisieren und im Hinblick auf vergleichende Analysen zu internationalisieren. Wir besuchten das samische Kulturhaus Árdna auf dem Campus und wurden durch die Ausstellung eines Teils der Universitätssammlung samischer Kunst im Gebäude der Geistes- und Kulturwissenschaften geführt.

Den letzten Tag vor der Abreise verbrachte die Gruppe am nach Frithjof Nansens berühmtem Schiff benannten Fram-Zentrum, das sich die Organisation und Vermittlung der Arktisforschung zur Aufgabe gemacht hat und dem entsprechend transdisziplinär ausgerichtet ist. Jo Jorem Aarseth verdeutlichte das Anliegen seiner Institution am Beispiel interdisziplinärer Beiträge zur Klimaforschung. Bislang sind die Geistes- und Kulturwissenschaften am Fram-Zentrum deutlich unterrepräsentiert, hier tut sich also ein neues relevantes Aufgabenfeld auf. Harald Dag Jølle, Historiker am Norwegischen Polarinstitut, stellte Frithjof Nansen als Wissenschaftler vor und erklärte seinen Status als Nationalhelden, den dieser bis heute innehabe. Abschließend diskutierte Mette Ravn Midtgård die wirtschaftliche Entwicklung Nordnorwegens an Hand der aktuellen Beispiele der zunehmenden Zentralisierung auf die beiden größten Städte Tromsø und Alta sowie der umstrittenen geplanten Ölförderung vor der Inselgruppe Lofoten.

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